Nach einem Dreifach-Selbstmord steht ein Südtiroler Dorf unter Schock. Regisseur Klaus Händl untersuchte den authentischen Fall in seinem Regiedebüt „März“.
„Ich habe versucht zu verstehen, was nicht zu verstehen war.“ So beschreibt der Tiroler Schriftsteller, Schauspieler und Filmemacher Klaus Händl den Zugang zu seinem Film „März“: Dieser behandelt den Selbstmord dreier junger Männer, der vor 15 Jahren in einem kleinen Südtiroler Dorf geschah und eine ganze Region traumatisierte.
Selbstmord im Auto. In einem Auto rauchen die Jugendlichen noch eine letzte Zigarette, ehe sie den Motor starten – und einatmen. Diese Tat bildet die Folie einer nun folgenden Bestandsaufnahme der Trauerarbeit der betroffenen Familienmitglieder. Sehr behutsam filtert Händl aus scheinbar belanglosen Alltagsepisoden die Spuren heraus, die dieser Selbstmord, der ohne ersichtliches Motiv und ohne Abschiedsbrief erfolgte, im Dorf hinterlassen hat. Händls schriftstellerische Ader tut seinem Spielfilmdebüt „März“ außerordentlich gut. Mit sparsamen Mitteln nähert er sich einem Mikrokosmos, in dem die in ihm agierenden Figuren zu ersticken drohen.
Zeit heilt keine Wunden. Die Dramaturgie arbeitet gekonnt mit Auslassungen, die Figuren bekommen erst nach und nach Konturen, doch die Zeit heilt keine Wunden. Die Menschen in diesem Dorf artikulieren ihre Trauer über das Schweigen, über die Sprachlosigkeit. Doch die Verdrängung und die Schuldzuweisungen führen nur noch tiefer in die Lethargie, in eine physische und geistige Erstarrung, die alle und alles zu lähmen scheint.Dem Schauspielerensemble (einer Mischung aus Laien und Profis), das Händl zur Verfügung stand, gelingt es auf nachhaltige Weise, diese Erstarrung zu vermitteln. Die Wahl des Tiroler Dialekts verleiht dem Film nicht nur Authentizität, sondern auch einen fast musikalischen Rhythmus. „März“ ist kein (Anti-)Heimatfilm, der seine Figuren bloßstellt, dazu bleiben sie in ihrer Verklemmung zu sperrig. Das Terrain, auf dem sie sich bewegen, ist jedoch hochexplosiv.
Mich hat er mit umgebracht. In „März“ beeindrucken besonders jene Sequenzen, in denen das Verdrängte an die Oberfläche drängt, zum Ausbruch tendiert. Wie bei der Geburtstagsfeier der Mutter eines der Selbstmörder. Dort bricht es aus ihr heraus: „Mich hat er mit umgebracht!“. Dann verstummt sie wieder. Vielleicht bleibt als einzige Lösung, diesen Ort zu verlassen, wie es einer jungen Frau am Ende gelingt.
Man bekommt Angst. Am besten lässt sich die Wirkung dieses Films, der 2008 beim Filmfestival in Locarno für das beste Erstlingswerk prämiert wurde, den Worten des Schriftstellers Josef Winkler beschreiben (erschienen am 10. 1. 2009 im „Standard“): „Am Ende des Films (...) befällt den Zuschauer diese Ausweglosigkeit, man bekommt Angst, möchte gern etwas Sinnvolles tun (...), damit einen diese Figuren, die zwar nur auf der Leinwand ihr gespenstisches Leben führen, die es aber rings um uns gibt und die uns bedrängen, nicht ebenfalls heimholen in ihre Welt.“
- Ab Freitag, 3. April im Linzer Moviemento-Kino. Bei der Premiere (20 Uhr) wird Regisseur Klaus Händl anwesend sein.