Reisebusse bleiben deshalb stehen und Wanderer/innen halten kurz inne: Die sieben „Todsünden“-Kanzel in Reichenthal lockt Besucher/innen von nah und fern an.
Die originelle Gestaltung der Sieben Todsünden-Kanzel – heute als „Hauptsünden“-Kanzel bezeichnet – ist nicht nur für Auswärtige interessant. Alois Lang ist seit seiner Kindheit mit dieser Kirche verbunden, hat viele Funktionen in der Pfarre innegehabt und betreut die Pfarrkirche heute als Pensionist. Als Kind hat ihm die Figur der Keuschheit einen „ordentlichen Schrecken“ eingejagt, wie er sagt. „Hoffentlich werde ich nicht so, hab ich mir gedacht. Der damalige Pfarrer hat immer wieder Bezug auf die Köpfe genommen und uns die Sünden anhand der Kanzel erklärt“, erinnert sich der ehemalige Ministrant und Jungscharführer an früher.
Von der Habsucht bis zum Zorn. Die Hauptsünden-Kanzel entstand in der Werkstätte des Linzer Bildhauers und Altarbauers Ludwig M. Linzinger und wird in erster Linie dem Bildhauer Michael Rauscher aus Traberg zugeschrieben. Die Kanzel wird von einem mächtigen Stamm getragen, um den sich eine Riesenschlange windet, die in sieben Hälsen ausfächert. An den Halsenden sitzen Menschenköpfe, die die sieben Hauptsünden symbolisieren: die Unkeuschheit, die Trägheit, die Habsucht, den Stolz, den Neid, die Unmäßigkeit und den Zorn. Die Köpfe sollen – so will es die Legende – an Reichenthaler Einwohner/innen erinnern. Den sechs Männerköpfen ist mittig ein Frauenkopf zugeordnet, der eine Frau in alter Mühlviertlerinnen-Tracht mit Schwalbenschwanz-Kopftuch und Perlenkette zeigt.
Mühlviertler Dom. Die Heilsgeschichte wird im gesamten Kirchenraum in zahlreichen Bildern und Gemälden erzählt – die Sieben-Hauptsünden-Kanzel reiht sich hier in die bildhafte Erzählweise ein. Der heutige Kirchenbau im klassizistischen Stil wurde im 19. Jahrhundert über dem alten Kirchenbau errichtet. Die Pfarrkirche ist für die Verhältnisse vor Ort mit ca. 1500 Einwohnern ungewöhnlich groß und wird gerne als „Mühlviertler Dom“ bezeichnet. Das säulenfreie Kirchenschiff bietet über 530 Personen Platz. Besonderes Augenmerk verdient auch das neue Orgelwerk aus dem Jahr 2008 mit seinem historisch wertvollen barocken Orgelgehäuse.