Ausgabe: 2009/14, Christen, Irak, kleine Dörfer, ICO, Hans Hollerweger, Louis Sako, Kirkuk, Irak, Bagdad, Minderheiten, Appell, Regierung, Ökumenischer Rat der Kirchen, Heimat, Asyl, Syrien, Christen
01.04.2009
- Interview: Susanne Eller
Christen im Irak erleben derzeit einen langanhaltenden Karfreitag. Erzbischof Louis Sako von Kirkuk, er war vergangene Woche in Österreich, sorgt sich vor allem um die christlichen Minderheiten im Irak, die massiv bedroht werden und deshalb das Land verlassen.
Wie sieht die aktuelle Situation der Christen im Irak aus? L. Sako: In Bagdad, auch in Basra, hat sich die Lage etwas gebessert. Aber in Mossul ist es nach wie vor gefährlich. Die Christen leiden unter der Gewalt der Fundamentalisten, die einen islamischen Staat anstreben. Sie denken, dass sich die Christen mit den Amerikanern verbündet haben, sehen sie als Feindbild, als Ausländer, die bekämpft werden. In den vergangenen Jahren sind mehr als 750 Christen getötet worden, darunter drei Priester und der Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho. Aus Angst vor Bedrohungen haben seit 2003 bereits 200.000 Christen den Irak verlassen.
Was sind nun die größten Herausforderungen? L. Sako: Eben diese Emigration. Die Christen sind eine Minderheit von zwei Prozent der 27 Millionen Einwohner des Irak. Wenn sie weiterhin das Land verlassen, geht ihre Geschichte, ihre Kultur und Spiritualität verloren. Wenige wissen, dass die Christen seit 2000 Jahren im Irak leben, hier ihre Wurzeln haben. Sie wollen in ihrem Land bleiben, hier arbeiten, das Land mitgestalten. Doch sie haben Angst, sind zur Zielscheibe von fanatischen Extremisten geworden. Und so wandern sie aus, nach Syrien, Jordanien, in den Libanon, in die Türkei. Auch im Nordirak leben Familien aus Bagdad, Basra und Mossul, haben dort aber kaum Aussicht auf Arbeit. Die Christen werden im Irak nur toleriert und als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Es wird Zeit, ihre Rechte zu achten.
Was halten Sie vom geplanten Abzug der US-Truppen? L. Sako: Sollten die US-Truppen, die seit dem Irak-Krieg im Jahr 2003 im Land sind, tatsächlich den Irak verlassen, könnte sich das problematisch auf die Sicherheit im Land auswirken, denn die irakische Armee und Polizei ist nicht stark genug, um den Menschen im Land die nötige Sicherheit zu bieten. Ich denke, bevor die Amerikaner abziehen, müssten sie dafür sorgen, das zerstörte Land wieder aufzubauen, Visionen für die Zukunft zu entwickeln, für Sicherheit im Land und an den Grenzen zu sorgen. Auch die internationale Gemeinschaft ist hier gefordert, bei einer Demokratisierung des Irak mitzuhelfen.
Wie sehen Sie die Zukunft für die Christen im Irak? L. Sako: Die Situation ist problematisch, die Zukunft ungewiss und zerbrechlich, doch wir geben die Hoffnung nicht auf. In den Dörfern leben Kurden, Araber, Türken, Sunniten, Shiiten, Christen. Die Welt hat sich verändert und wir müssen uns damit auseinandersetzen und versuchen, in Frieden zusammenzuleben. Die Christen im Irak hoffen auf die Solidarität und Unterstützung der Menschen in Europa, damit sie in ihrer Heimat bleiben können.
Im Blick
Appell an Regierung
Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich hat die österreichische Bundesregierung aufgefordert, sich für die Chris-ten im Irak einzusetzen. „Das Schicksal der Christen im Irak und der Christen, die geflohen sind und nun in den Nachbarländern in eine ungewisse Zukunft hineinwarten, berührt uns sehr“, sagte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates, der lutherische Altbischof Herwig Sturm, vergangene Woche in Wien. Die Regierung solle mithelfen, dass Christen in ihre Heimat im Irak zurückkehren können, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Außerdem solle Österreich, „in Solidarität mit der EU-Aktion“, einer angemessenen Zahl von christlichen Flüchtlingen, die sich u. a. in Jordanien oder Syrien aufhalten, Asyl gewähren.