Armut, miese Wohn- und Hygieneverhältnisse, mangelhafte Ernährung – das ist der Nährboden, auf dem die Tuberkulose wächst. Weltweit ist die Krankheit im Vormarsch – und oft führt sie zum Tod, weil den Betroffenen das Geld fehlt, um eine wirksame Behandlung zu bezahlen. Das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich unterstützt Programme zur Bekämpfung der Tuberkulose. Ihm verdankt die kleine Musula aus Kalkutta ihr Leben.
Fahim Buddin geht durch die engen Gassen von Howrah, einem Stadtteil der indischen Millionenstadt Kolkata (Kalkutta). Der 24-Jährige kennt die engen und schmutzigen Gassen in diesem Slum sehr gut, er ist hier aufgewachsen. Tausendfach ist er diesen Weg bereits gegangen – oftmals, um nach einer Arbeit als Tagelöhner zu suchen, noch mehr aber auf dem Weg in die Schule. Heute ist er froh, dass er damals zur Schule gegangen ist und nicht wie seine Freunde das Familieneinkommen aufbessern musste. Durch Schule und Ausbildung hat er heute einen richtigen Arbeitsplatz.
Für die Ärmsten. Fahim ist Gesundheitsarbeiter in einem neuen erfolgreichen Tuberkulose-Programm. Hier arbeiten private Ärzte und Heiler eng mit staatlichen Gesundheitsstationen und internationalen Hilfswerken wie der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe und dem Aussätzigen-Hilfswerk Österreich zusammen. Dr. P. K. Mitra, Koordinator des Tuberkulose-Programms, ist stolz auf seine Gesundheitsarbeiter und ganz besonders auf Fahim: „Wir helfen hier den Ärmsten der Armen, und das nicht nur medizinisch. Unsere Arbeit beginnt bei den Kindern, die durch den Schulbesuch eine Chance auf ein besseres Leben bekommen müssen, Fahim ist dafür ein Beispiel.“
Krankheit und Armut. Gerade mal drei Monate ist es jetzt her, dass Fahim seine Ausbildung abgeschlossen hatte und den gleichen Weg ging wie heute – durch diesen Slum, in dem die Hütten der Bewohner nur aus Holz und Plastikplanen über unbefestigtem Lehmboden bestehen. In einer dieser Hütten lebt Samoly mit ihren drei Kindern. Der Vater ist seit drei Jahren verschwunden. Samoly muss ihre Familie seither allein ernähren – als Tagelöhnerin mit umgerechnet fünf Euro im Monat. Als ihre Tochter Musula erkrankte, ging sie daher auch nicht zu einem Arzt. Wie so viele Menschen in Indien könnte sie einen Arztbesuch gar nicht bezahlen: Rund 200 Rupies beträgt das Honorar für eine einfache Behandlung – umgerechnet fast vier Euro. Dafür gibt es aber an jeder Straßenecke die „Quacks“: medizinische Laien, die kranken Menschen ihre Dienste anbieten – zu einem Bruchteil der Kosten von richtigen Ärzten.
„Doctor“ Ahmed. Als der Husten von Musula auch nach Wochen immer schlimmer wurde, ging Samoly mit ihrer Tochter zu „Doctor“ Ahmed Mushtaque, dem nächstgelegenen Quack. Obwohl er kein Arzt ist, nennen ihn hier alle nur „Doctor“ Ahmed. Vier Jahre lang hat er einem anderen Quack assistiert, dann meinte Ahmed, genug zu wissen, um sich selbständig zu machen. Ein ganz normaler Vorgang in Indien – einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung in Slums lebt und keinen Zugang zu richtiger medizinischer Behandlung hat. Dienstleistung im Gesundheitswesen ist hier in erster Linie ein profitables Geschäft. Trotzdem wäre die naheliegende Übersetzung „Quacksalber“ falsch: Dies würde der Arbeit und dem Ansehen dieser Menschen nicht gerecht.
Neue Idee rettet Leben. Wahrscheinlich hätte „Doctor“ Ahmed das Mädchen kurz angesehen und dann Medikamente gegeben, vielleicht einen wirkungslosen Hustensaft. Die Rechnung von rund 30 Rupies (gut 50 Cent) hätte die Mutter gerade noch bezahlen können. Schlimmer wäre es jedoch gewesen, wenn er die Tuberkulose erkannt und rein geschäftlich gehandelt hätte: Ein paar Antibiotika, die für vier bis sechs Wochen ausreichen, hätte er ihr gegeben. Danach hätte Samoly die Wahl gehabt: entweder die Therapie abbrechen oder noch einmal bezahlen, was sie sich nicht leisten kann. Von Resistenzen durch abgebrochene Therapien mit Antibiotika haben die Menschen in den Slums noch niemals gehört: „Eine Krankheit gilt für sie als kuriert, wenn die Symptome verschwunden sind“, so Fahims Erfahrungen. Für Musula wäre eine solche Behandlung mit Sicherheit ein Todesurteil gewesen. Doch das Mädchen hatte Glück: Als ihre Mutter zu „Doctor“ Ahmed kam, war Gesundheitsarbeiter Fahim gerade dort, um ihn für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Am Beispiel der kleinen Musula konnte Fahim den Quack überzeugen, dass es sich nicht nur für die Patienten lohnt. Auch „Doctor“ Ahmed selbst sieht seine Vorteile: „Die 30 Rupies, die ich für die Behandlung von Musulas Mutter bekommen hätte, bezahlt jetzt das Tuberkulose-Programm. Dazu kommt noch ein Betrag, wenn die Therapie mit Antibiotika vollständig abgeschlossen ist – nach sechs bis acht Monaten.“
Eine Schlüsselrolle. Der Erfolg des Programms ist schon nach kurzer Zeit messbar: Nicht einmal zwei Prozent der Tuberkulose-Patienten brechen diese neue Form der Behandlung noch ab – zuvor waren es 20 bis 30 Prozent. Die Gefahr von neuen, nicht mehr zu kontrollierenden Erkrankungen mit multiresistenten Tuberkulose-Erregern ist dadurch viel kleiner geworden. Zusätzlich werden viel mehr Patienten entdeckt: Menschen, die ansonsten wirkungslose Behandlungen von ihren Quacks bekommen hätten und irgendwann gestorben wären, ohne dass ihre Tuberkulose jemals erkann t worden wäre. Gesundheitsarbeiter Fahim und seine 50 Kolleginnen und Kollegen haben die Schlüsselrolle in diesem neuen Konzept: Sie sind die wichtigen Bindeglieder zwischen Patienten, Quacks, Hilfswerken und staatlichen Stellen. Und sie leisten noch mehr, denn Fahim ist auch Sozialarbeiter in dem Slum, aus dem er selbst stammt: „Ich erkläre den Kindern, woran sie Tuberkulose erkennen, und den Erwachsenen, wie gefährlich es ist, die Behandlung abzubrechen.“ Auch über Vorbeugung wie Hygiene und Ernährung klärt er auf.
Vorbild für die Jugend. Und so „ganz nebenbei“ ist Fahim auch ein Vorbild für die Kinder in dem Slum. Er hat die Schule besucht und dadurch eine Ausbildung und einen festen Arbeitsplatz bekommen. Die Kinder aus seinem Slum gehen wieder vermehrt zur Schule. Durch Fahim sehen sie, dass sie damit eine Chance bekommen.
Stichwort
Krankeit der Armen
Zehn Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose. Zwei Millionen sterben jedes Jahr an dieser gefächrlichen, aber heilbaren Infektionskrankheit. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Tbc-Patienten verdreifacht. Dafür gibt es mehrere Gründe: das rapide Anwachsen der Slums in den armen Ländern, die tristen Lebensverhältnisse in vielen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, die Zunahme resistenter Tbc-Stämme und die Ausbereitung der Immun-Krankheit HIV. Tuberkulose ist die Krankheit der Armen. Weil früher auch viele Lepra-Kranke zusätzlich an Tbc erkrankt sind, unterstützt das Aussätzigen-Hilfswerk Österreich seit vielen Jahren auch Programme zur Tuberkulose-Behandlung und Prävention in Asien, Afrika und Brasilien.