Wo Partner in ihren Kompetenzen nicht ernst genommen werden, kommt es zu Konflikten
Ausgabe: 2009/16, Revier, Ingrid Holzmüller, Grenzübertritt, Partnerschaft, Kompetenzen, Konflikt,
15.04.2009
- Ingrid Holzmüller, Leiterin des Ehe- und Familienuentrums Feldkirch
Paar mit Problemen [ (c) www.BilderBox.com, Erwin Wodicka, Siedlerzeile 3, A-4062 Thening, Tel. + 43 676 5103678.Verwendung nur gegen HONORAR, BELEG,URHEBERVERMERK und den AGBs auf bilderbox.com](in an im auf aus als and beim mit einer einem eines *
Aus der Praxis: Bei Erich und Sandra kracht es regelmäßig, wenn er kocht und sie ihm nur mal schnell helfen will, indem sie ein paar Utensilien in die Spülmaschine räumt. Carla und Paul stehen kurz vor der Trennung, weil sie sich von ihm mit der Verantwortung für die gemeinsame Tochter im Stich gelassen fühlt. Und bei Robert und Martina gibt es immer wieder Streit, wenn einer von beiden am Wochenende allein mountainbiken oder eine Fortbildung besuchen möchte.
Sind die Paare wirklich so unkooperativ,verantwortungsscheu oder egoistisch? Das fragen sich die Paare mitunter selbst, jedoch hilft es bei der Lösung der Probleme nicht wirklich. Die tatsächliche Ursache für die oben genannten Konflikte liegt tiefer.
Jeder Mensch hat genetisch bedingt dasBedürfnis nach einem eigenen Revier, nach einem Rückzugsbereich, der unantastbar ist. Und wenn es sich nur um den Schreibtisch oder die Küche handelt. Nach einem Aufgabenbereich, in dem man die Entscheidungshoheit hat. Nach einem Zeitrahmen, über den man frei verfügen kann.
Reviere. Wenn Erich kocht, ist die Küche sein Revier. Wenn Sandra „helfen“ will, bringt sie für ihn alles durcheinander. Um ihn wirklich zu unterstützen, müsste sie fragen, statt eigenmächtig zu handeln. Carla will, dass Paul sich an der Versorgung von Töchterchen Lea beteiligt, besteht aber darauf, dass er alles genauso macht wie sie. So wird Paul zur Hilfskraft degradiert und verliert das Interesse. Die Revierübergabe könnte klappen, wenn Sandra es schafft, das Feld zu räumen und mit einer Freundin ausgeht, anstatt ihrem Mann Ratschläge zu geben. Im Leben von Robert und Martina gibt es derzeit wenig Freiräume. Zwei kleine Kinder, Hausbau, viel Arbeit im Büro. Das Zeitkorsett für die eigenen Interessen wird eng. Da wird genau beobachtet, wer sich von dem schmalen Zeit-Kuchenstück noch etwas abschneidet.
Grenzübertritt. Sie glauben an den Sieg der Vernunft und dass zwei, die sich lieben, über solche Kleinigkeiten erhaben sein sollten? Dann überlegen Sie, was Sie tun müssten, um Ihren Partner, Ihre Partnerin zu ärgern: Ihren Vorratsschrank in der Küche neu organisieren? Oder in seiner Abwesenheit den Kleiderschrank nach Uralt-Modellen durchforsten, um diese heimlich zum Altkleider-Container zu bringen? Jeder von uns hat Bereiche, wo er/sie auf Grenzübertritte besonders allergisch reagiert. In dieser Situation sind wir auch nicht bereit, über die Sinnhaftigkeit unseres Verhaltens zu diskutieren („Warum müssen die Sofakissen in einer bestimmten Farbreihenfolge stehen?“), sondern wir wollen einfach, dass es der andere zur Kenntnis nimmt.
Rücken zur Wand. Wenn Paare an solchen Konflikten verzweifeln, dann deshalb, weil sie sich in solchen Momenten nicht als souveräne Erwachsene gegenüberstehen, sondern mit dem Rücken zur Wand ihr Revier verteidigen. Menschen lassen sich leichter beruhigen, wenn sie wissen, dass ihr Revier respektiert und ihre Kompetenz auch gesehen wird.
Ingrid Holzmüller, Leiterin des Ehe- und Familienzentrums Feldkirch