Es gibt die Zeiten des Winters und der Dürre. Und es gibt die blühenden Zeiten – auch in der Kirche. In der beginnenden schönen Jahreszeit drängt es auch Gläubige hinaus ins Freie. Es ist die Zeit der Maiandachten und der Wallfahrten.
Zwischen Ostern und Pfingsten, dem Fest der Sendung des Heiligen Geistes, stellt die KirchenZeitung wegweisende und kritische Geister des Christentums vor. Kirche war nicht mit einem Mal fertig, sie bedurfte der ständigen Erneuerung. Sie behielt ihre Kraft durch Menschen, die in schwierigen Zeiten das Wesentliche erkannt haben. Sie haben die Kirche aus den Sackgassen ihrer Zeit geführt und Fenster in die Zukunft aufgestoßen. Manche von ihnen sind in Vergessenheit geraten. Sie haben dennoch auf bis heute Wichtiges aufmerksam gemacht. Manche wurden von den Zeitgenossen missverstanden, von der Kirche ausgeschlossen oder sogar hingerichtet. Und dies obwohl sie Großes für den Glauben leisteten – wie etwa Jan Hus, ein Vorläufer der Reformation. Der Salzburger Kirchenhistoriker Dietmar Winkler beginnt die Themenreihe mit Origenes, einer markanten Gestalt aus dem christlichen Altertum.
Brückenbauer. Origenes Denken, das Christentum mit der griechischen Philosophie zu verbinden, beeinflusst die Theologie bist heute.
Origenes – der kühne Denker
NEUE SERIE: Wegweisende und kritische Geister der Kirchengeschichte
Zwischen Ostern und Pfingsten, dem Fest der Entsendung des Heiligen Geistes, werden in dieser Serie wegweisende und kritische Geister des Christentums vorgestellt. Manche sind in Vergessenheit geraten und haben dennoch bis heute Wichtiges geleistet, manche wurden von den Zeitgenossen missverstanden, von der Kirche ausgeschlossen oder hingerichtet. Und dies obwohl sie Wesentliches für den Glauben leisteten.
Vordenker. An erster Stelle soll hier Origenes genannt werden. Begeben wir uns also zunächst in das christliche Altertum und wenden uns dessen bedeutendstem Denker zu. Theologie, das systematische Nachdenken über Gott und die Glaubensinhalte, hat erst durch Origenes ihren Platz in der Kirche erlangt. Spätere Theologen haben dort nur im Kleinen weitergearbeitet, wo er im Großen vorgedacht oder zumindest entworfen hat. Sein Ansatz, das Christentum mit der griechischen Philosophie zu verbinden, beeinflusst die Theologie bis in unsere Zeit, bis hin zum Jesus-Buch von Papst Benedikt XVI. So ist etwa die Vorstellung von Christus als Logos, als fleischgewordenes Wort, das in Ewigkeit mit dem Vater existiert, von Origenes geprägt.
Manchen zu kühn. Aber Origenes war ein verwegener Denker, für manche zu kühn. Während er überall im Römischen Reich begeisterte Hörer fand, kam es zum Bruch mit seinem Heimatbischof Demetrius. Andere Bischöfe hatten Origenes, der damals noch Laie war, die Predigttätigkeit erlaubt. Demetrius rief ihn aus Unmut darüber und wohl auch, weil er seine Gedankengänge nicht verstand, zurück nach Alexandrien. Als er Jahre später von den Bischöfen von Cäsarea und Jerusalem zum Priester geweiht wurde, erklärte Demetrius die Weihe für ungültig und Origenes erhielt Lehrverbot. Dieser zog sich daraufhin nach Palästina zurück und gründete dort eine neue Schule, die die Theologie und Bibelauslegung insgesamt förderte.
Grundlegendes. Origenes schuf unter anderem die sogenannte „Hexapla“, eine sechssprachige Ausgabe des gesamten Alten Testaments, die den he-bräischen Text, denselben Text in griechischen Buchstaben und vier griechische Übersetzungen enthielt. Da jede Bibelübersetzung – und das gilt bis heute – Fehler und Abweichungen beinhaltet, versuchte er mit dieser Methode dem ursprünglichen biblischen Text so nahe wie möglich zu kommen. Mit seinem theologischen Hauptwerk „Über die Anfänge“, nämlich die Anfänge des Seins und Denkens, schuf er die erste und über Jahrhunderte einzige zusammenhängende theologische Darstellung des christlichen Glaubensgutes, die bis in die Lehrbücher unserer Tage hineinwirkt.
Standhaft. Unter den Christenverfolgungen 250/51 wurde Origenes gefoltert, da man den populären Mann zum öffentlichen Abfall zwingen wollte. Er starb bald nach der kurzen, aber harten Verfolgungszeit an den Folgen der Folterungen. Origenes blieb fest in seinem Glauben an Christus. Sein kreatives Denken rief jedoch noch nach seinem Tod harsche Kritik hervor. Manche seiner Ideen, wie jene von der Präexistenz der Seele und der Ewigkeit der Welt, wurden als nicht christlich erkannt und von der Kirche verurteilt, allerdings erst 300 Jahre nach seinem Tod.
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Das Leben des Origenes
- geboren ca. 184 in Alexandria, Ägypten - 230 Priesterweihe und Bruch mit seinem Bischof - Übersiedelung nach Palästina - 250/51 Gefängnis und Folterung im Zuge der Christenverfolgung - gestorben 253 in Tyrus, Libanon
Der Autor
Dietmar W. Winkler ist Professor für Patristik und Kirchengeschichte an der Universität Salzburg.