Das Diakonat der Frau gibt es seit den Anfängen der Kirche
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22.04.2009
- Hans Baumgartner
Das Diakonat der Frauen ist keine Erfindung der vergangenen Jahrzehnte. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass es zumindest über das erste christliche Jahrtausend hinaus ein ordentliches Weiheamt für Frauen gegeben hat und dass dieses bis heute in den Ostkirchen nicht abgeschafft wurde.
Vor über 50 Jahren hat der griechische Theologe Evangelos Theodorou eine Doktorarbeit über das Diakonat der Frau in der Ostkirche verfasst. Seither hat ihn dieses Thema nicht mehr losgelassen, denn er ist überzeugt, dass Diakoninnen eine große Bereicherung für die Kirchen wären. Es sei kein Zufall, so Professor Theodorou, dass besondere Blütezeiten der byzantinischen Kirche auch Blütezeiten des Frauendiakonats waren. In einer von der Stiftung „Pro Oriente“ gemeinsam mit den Theologischen Fakultäten (Universitäten) von Salzburg, Linz, Graz und Wien organisierten Vortragsreihe legte der 88-jährige Theologe seine Forschungsergebnisse einer zahlreich erschienenen Zuhörerschaft dar.
Anfänge. Den ersten Beleg von Diakoninnen gibt es im 16. Kapitel des Römerbriefes. Dort bittet Paulus, „unsere Schwester Phöbe, die Diakonin der Gemeinde von Kenchrea“, gut aufzunehmen und zu unterstützen. Im ersten Brief an seinen Schüler Timotheus geht Paulus auch darauf ein, welche Qualitäten kirchliche Amtsträger haben sollten. Er erwähnt dabei ausdrücklich das Bischofs- und das Diakonenamt. Dabei werden unter den „Diakonen“ auch die Frauen angesprochen. Weitere Belege für die Existenz von Diakoninnen in der frühen Kirche finden sich in einem Brief von Plinius d. J. an Kaiser Traian (111) und in den Schriften von Origenes, der sich dabei ausdrücklich auf die „apostolische Autorität“ (Röm 16, 1f) stützt. „In den Quellen der ersten drei christlichen Jahrhunderten werden Diakoninnen zweifelsfrei in einem Zug mit anderen Klerikern erwähnt. Man kann daher annehmen, dass sie mit demselben Akt geweiht (ordiniert) wurden wie ihre männlichen Amtskollegen“, betont Prof. Theodorou.
Ein Weiheamt. Viele Zeugnisse für das Diakonat der Frau gebe es für die Zeit zwischen dem 4. und dem 12. Jahrhundert, dem Ende der Blüte der byzantinischen Kirche. Diakoninnen waren sowohl Ordensfrauen als auch Verheiratete, wie etwa die Gattin des Bischofs Gregor von Nissa. Sie sollten sich durch Glaube, Tugend und Bildung auszeichnen. „Die Diakoninnen zählten zweifelsfrei zum höheren Klerus, zum Sacerdotium, zum Kreis der Ordinierten. Der Ritus ihrer Weihe war ident mit dem der Bischofs-, Priester- und Diakonenweihe“, betont Theodorou. Kaiser Justinanus (6. Jh.) ordnet sie in seinem Kirchenkodex dem Klerus zu und schreibt, dass an der Kathedralkirche der hl. Sophia neben 60 Priestern und 100 Diakonen auch 40 Diakoninnen Dienst machen sollen.
Wiederbelebung. Auch in der lateinischen Kirche habe es Diakoninnen gegeben, betont Prof. Theodorou. Die bekannteste davon ist die hl. Radegunde, die Gattin des Frankenkönigs Clothar. Noch im 11. Jahrhundert schreiben drei Päpste an Bischöfe, wonach diese Frauen ordinieren dürfen. Reste des Frauendiakonats, so Theodorou, sind heute noch in manchen orthodoxen Frauenklöstern, bei altorientalischen Kirchen und in manchen Kathäuserinnenklöstern in Italien und Frankreich zu finden. „In der orthodoxen Kirche wurde das Frauendiakonat niemals abgeschafft“, betont Prof. Theodorou. 2004 sprach sich die Synode der griechischen Kirche für die Wiederbelebung des Diakonats der Frau aus und stellte es jedem Bischof frei, dies in seiner Diözese in die Praxis umzusetzen. Auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios stehe dem Frauendiakonat positiv gegenüber, berichtet Theodorou. In der Kirchenhierarchie gebe es aber immer noch Ängste, diesen Schritt zu tun. Er hoffe auf eine „Bewegung von unten“, denn es würde den Kirchen nur guttun, wenn Frauen wieder in das geistliche Amt eingebunden würden.
Aufgaben. „Viele Diakoninnen hatten den Ruf, ,Engel der Barmherzigkeit‘ zu sein“, betont Prof. Theodorou. Sie galten als „Vertreterinnen Christi“ unter den Armen. Diakoninnen versahen aber auch wichtige katechetische und missionarische Aufgaben. „Viele Frauen kamen über Diakoninnen zum Glauben und wurden von ihnen auf die Taufe vorbereitet. In vielen Gemeinden und Klostergemeinschaften nahmen Diakoninnen wichtige seelsorgliche Dienste wahr. Liturgisch waren sie als Taufspenderinnen für Frauen tätig und hatten eine wichtige Rolle bei den Begräbnisriten. Die Zelebration der Eucharistie hingegen war Aufgabe der Priester. Dennoch gehörten die Diakoninnen, so wie ihre männlichen Kollegen, dem gehobenen (Weihe-)Klerus an. Ihr Beitrag zur Auferbauung der Kirche war nicht das zelebrierende, sondern das diakonale Amt“, betont Theodorou.
Diakoninnen
Das Diakonat der Frau war Thema eines kirchengeschichtlichen Symposiums an der Universität Salzburg. Neben Evangelos Theodorou (Bericht nebenan) referierten dabei auch der Frühkirchenexperte und Bibliker Peter Hofrichter und die Fachfrau für armenische Kultur und (Kirchen-)Geschichte Jasmine Dum-Tragut.
Peter Hofrichter wies darauf hin, dass in der Apostelgeschichte der Begriff „Diakon“ nicht verwendet wird – auch nicht im Zusammenhang mit den sieben „zum Dienst an den Tischen“ (Apg 6) gewählten Männern. Paulus hingegen verwendet den Begriff und meint damit wohl eine „Amtsbezeichnung“. Hofrichter vertrat die These, dass in der frühen Kirche in verschiedenen Regionen die Begriffe Diakon/-in und Presbyter (Priester) für dasselbe Amt verwendet wurden. Zumindest in den ersten Jahrhunderten hatten die Diakon/innen auch weitreichende Aufgaben. Hofrichter verweist auf einen Beschluss der Synode von Arles (315), wo den Diakoninen die Feier der Eucharistie untersagt wurde. „Das heißt, dass sie das bis dahin gemacht haben“, meint Hofrichter.
In der armenischen Kirche erlebte das Frauendiakonat zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert eine Blütezeit vor allem in den Klöstern. Die letzte Diakonin (Ordensobere) starb 2002. Derzeit, so Dum-Tragut, gebe es starke Bemühungen zur Belebung des Frauendiakonats.
Univ. Prof. em Dr. Peter Hofrichter, Pro Oriente Salzburg.
Viele Frauen wünschen sich Seelsorgerinnen
„Ob die Kirche Frauen zu Diakoninnen weiht – das ist keine Frage des Dürfens, sondern des Wollens“, sagt Dorothea Schwarzbauer-Haupt, Vorsitzende der Frauenkommission der Diözese Linz.
Was nehmen Sie vom Vortrag von Prof. Theodorou über das Frauendiakonat mit? Schwarzbauer-Haupt: Er hat mit vielen Beispielen eindrucksvoll belegt, dass über viele Jahrhunderte der Kirchengeschichte Frauen Trägerinnen eines ordentlichen Weiheamtes waren. Er hat auch einen Einwand, der in der Diskussion immer wiederkommt, widerlegt: Das Frauendiakonat ist kein Hindernis in der Ökumene mit den Ostkirchen. Im Gegenteil: Dort gibt es ernsthafte Bestrebungen, dieses in der östlichen Kirchentradition lange vorhandene Amt wiederzubeleben.
Wie soll (könnte) es weitergehen? Schwarzbauer-Haupt: Auf Grund der seelsorglichen Situation, die in vielen Regionen der Kirche vom Priestermangel geprägt ist, scheint mir ein ernsthafter gesamtkirchlicher Dialog über die Zulassung verheirateter Männer zum Priestertum unausweichlich zu sein. Gleichzeitig müsste aber auch über das Diakonat der Frau verhandelt werden. Dabei geht es um die Anerkennung von Berufungen, die in der Kirche durch das Wirken des Gottesgeistes heute schon da sind. In Lateinamerika, aber auch bei uns, sind es immer öfter Frauen, die die Seelsorge am Ort am Leben erhalten. Und ich erlebe es selber in meiner Pfarre, viele Frauen wünschen sich in ihrer geistlichen Begleitung Frauen.
Was können Frauen besser als Männer? Schwarzbauer-Haupt: Da geht es nicht um besser, nicht um Konkurrenz, sondern um Bereicherung, um eine Art des Denkens und Fühlens, um einen Zugang zum Glauben, der vielen Frauen guttut. So etwa wurde ich vor kurzem gebeten, das Begräbnis einer Frau zu halten, die von Männern viele Verletzungen erfahren musste. Es geht auch darum, die Sichtweise von Frauen im Umgang mit Leben und Glauben im kirchlichen Raum öffentlich zu machen, etwa durch Predigten oder die Gestaltung von Gottesdiensten verschiedener Art. Ich stelle fest, dass dort, wo das möglich ist, sehr viele positive Rückmeldungen von Frauen kommen. Ich merke auch, dass dort, wo Frauen seelsorglich wirken, der Wunsch und die Zustimmung, dass diese auch mit einem kirchlichen Weiheamt ausgestattet werden, wächst. Das hat, zumindest für meine Pfarre kann ich das sagen, nichts damit zu tun, dass man den Priester nicht schätzen würde. Seelsorge geschieht aus der Nähe zu den Menschen, und da sind Frauen und Männer als Begleiter/innen gefragt. In den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte hat das der Kirche offensichtlich gutgetan.
Die Weihe von Frauen zu Diakoninnen ist aber offenbar mit vielen Ängsten besetzt? Schwarzbauer-Haupt: Es scheint so. Aber auch die Wiedereinführung des Diakonats für Männer als eigenständiges Weiheamt wurde erst nach harten Auseinandersetzungen auf dem II. Vatikanischen Konzil beschlossen. Wenn die Kirche die Frauen mittelfristig nicht verlieren will, wird sie sie auch mit einem Weiheamt stärker in die Seelsorge und Mitentscheidung einbinden müssen. Theologisch spricht weder aus Sicht der Bibel noch der Kirchentradition etwas dagegen. Jetzt kommt es darauf an, ob man das will – oder ob man weiterhin sagt, diese Berufungen kann es nicht geben, weil wir sie nicht wollen.