Leserreise der KirchenZeitung in die Baltischen Länder
Ausgabe: 2009/19, Europa, Solidarität, Leserreise, Baltikum, Vilnius, Litauen, Lettland
06.05.2009
Anfang Juni wählen die Staaten der Europäischen Union ihre Vertreter/innen für das Europaparlament. Für die jungen EU-Staaten am Baltischen Meer haben die Wahlen besondere Bedeutung. Eine Leserreise der KirchenZeitung führte von 29. April bis 4. Mai nach Litauen und Lettland.
Der „Berg der Kreuze“ in Litauen ist eines der beeindruckendsten Symbole für das Schicksal der Menschen in Litauen. Jahrhundertelang war das Land Spielball der europäischen Geschichte. Viele wurden vertrieben und ausgesiedelt nach Sibirien. Die Kreuze am Berg erinnern an sie. Seit vier Jahren ist Litauen Mitglied der Europäischen Union. Das mitten in Europa gelegene Land hofft nun endlich auf Stabilität. Doch die Weltwirtschaftskrise trifft die kleinen Staaten am Baltikum mit ganzer Wucht. Dennoch herrscht hier Zuversicht: Eine solche Zeit wie unter dem Kommunismus oder gar Stalinismus wird es nicht mehr geben. Die Freiheit wollen sich diese Länder nicht mehr nehmen lassen. Sie hoffen auf europäische Solidarität.
Das Lächeln der Maria von Memeln
Zusammen mit Linz ist Vilnius heuer Kulturhauptstadt Europas. Litauen war daher Ziel einer Leser/innen-Reise der KirchenZeitung. Die Litauer haben oft erleben müssen, wie die Wogen der Geschichte über das Land am Baltischen Meer hinweggezogen sind.
Noch immer sind sie in Bewegung. Stürme haben vom Baltischen Meer her den Sand gut 80 Meter hoch aufgehäuft. Ganze Dörfer haben die Dünen unter sich begraben. Heute sind es die Erholungsuchenden aus Litauen und aus dem Ausland, die den Sommer über die Landzunge der Kurischen Nehrung bevölkern. Auch Thomas Mann, der berühmte Schriftsteller, hat sich hier ein Sommerhaus bauen lassen – und es nur drei Sommer lang tatsächlich bewohnt. Die Wogen der Geschichte haben Litauen immer wieder verändert. Von Osten her kamen die Tataren. Zwei Jahrhunderte lang war Litauen mit Polen in einem Doppelreich verbunden, so wie auch Österreich mit Ungarn. Es gibt die deutsche Phase der Geschichte, in der der westliche Teil, das Memelland deutsch war. Und es gab die zweite deutsche Zeit, als Hitler nach zwei Jahrzehnten Selbstständigkeit des Landes diese Region „heim ins Reich“ führte. Am Stadtplatz von Memeln, dem heutigen Klaipeda, steht das Denkmal des „Ännchen von Tharau“ und gleich dahinter der Balkon, auf dem Hitler diese Heimholung ankündigte. Es gibt das tragische Ende, als Königsberg und Memeln von der Roten Armee vollkommen zerstört wurden. Es gibt den Überlebenswillen der Litauer, dem es schließlich gelang, auch das Joch des Kommunismus abzuschütteln. Die Jahre dazwischen bedeuteten vor allem für die jüdische Bevölkerung – über 240.000 lebten im Land – den Tod. 90 Prozent der Juden wurden ermordet, viele davon in einem Wald nahe Vilnius, der heutigen Hauptstadt.
Im Ghetto von Vilnius. Adalbert Wagner ist Friedensdiener im Toleranzmuseum in Vilnius. Der Maturant aus Krems führt die KirchenZeitungs-Reisegruppe durch das ehemalige Ghetto. Da und dort eine hebräische Aufschrift auf einem Haus, sonst gibt es wenig Hinweise darauf, was sich hier ereignet hat. Vor allem: Die Menschen sind weg. Im Ghetto bildete sich eine bewaffnete Widerstandsgruppe, es gab auch Leute, die den Widerstand mit geistigen Mitteln führten. Und wenn noch so viele gestorben waren – man darf den Lebenswillen nicht verlieren. Eine Bibliothek war im Ghetto, das Gebäude steht noch. Weiterlesen hieß weiterleben. Eine der Wogen der Geschichte hat – als in Wien und anderen europäischen Städten längst Dome standen – erst Ende des 14. Jahrhunderts das Christentum nach Litauen gebracht. Heute sind Glaube und Kirche in den Herzen der Litauer mehr als in vielen anderen Ländern Europas verankert, trotz all der Verbote in der kommunistischen Zeit, als Kirchen als Lagerhäuser dienten.
In Klaipeda. Am Sonntag, 3. Mai feiert die Reisegruppe aus Oberösterreich die Messe in der Marienkirche von Klaipeda mit. In Litauen war an diesem Tag Muttertag. Das Altarbild zeigt eine sehr junge Maria mit dem Kind, das die Hand um den Hals der Mutter schlingt. Marias Gesicht könnte von einem der Mädchen stammen, wie man sie in den Straßen der Stadt trifft, mit einem Lächeln im Gesicht. Diese Kirche von Klaipeda ist die einzige in der kommunistischen Zeit errichtete Kirche im Land. Doch auch sie diente dann anderen Zwecken – als Konzertraum. Dass heute hier wieder Messe gefeiert wird, ist wie ein Wunder. Es ist Menschen zu verdanken, die die Freiheit wiedererkämpft haben. Die neun jungen Leute, die am Fernsehturm von Vilnius am 13. Jänner 1991 erschossen oder von Panzern überrollt wurden, sind die letzten Opfer der Unfreiheit.
Am Berg der Kreuze. Die Reise führt weiter, hinauf Richtung lettischer Grenze. Hier liegt der „Berg der Kreuze“, an dem die Angehörigen der nach Sibirien Deportierten Kreuze aufgestellt haben – als Hoffnungs- und Widerstandszeichen. Und das waren viele. Bis 700.000 Litauer sollen ab 1949 nach Sibirien verbannt oder ermordet worden sein. Zusammen mit der jüdischen Bevölkerung macht das fast eine Million Menschen aus, die das Land am Baltischen Meer in dieser Zeit verloren hat.
Leben mit der Krise. Litauern ist heute ein selbstbewusstes Land. Doch die Weltwirtschaftskrise trifft Litauen besonders hart. Die Arbeitslosigkeit droht auf zehn Prozent zu klettern. Viele qualifizierte junge Leute sind abgewandert. Viel zu wenig Ärzte sind da. Die Armut steigt. Davon erzählt Robertas Grigas, der Caritasdirektor von Kaunas, im Keller der Auferstehungskirche der Stadt. In kommunistischer Zeit wurde diese als Radiofabrik verwendet. Auch wenn die Zukunft ungewiß ist – Robertas Grigas erzählt mit Zuversicht – und die Madonna in Memeln lächelt.
In der Kulturhauptstadt
Die Wirtschaftskrise hat mit sich gebracht, dass viele Kulturhauptstadt-Projekte von Vilnius zurückgestellt werden mussten. In der ehemaligen Gefängniskirche von Vilnius hat die Linzer Künstlerin Anja Westerfrölke im Rahmen von „Vilnius 09“ ein Kunstprojekt inszeniert. Die bisher geschlossene, baufällige Kirche wurde so für die Bevölkerung wieder zugänglich. Das Projekt wird mit großem Interesse angenommen. Vilnius ist die Stadt der Kirchen. Wenn man nicht mindestens drei Kirchen sieht, ist man nicht in Vilnius, sagt man. In kommunistischer Zeit dienten die meisten Kirchen Lagerzwecken oder als Sport- und Kulturstätten. Jetzt, im Kulturhauptstadtjahr, hat man Gott sei Dank wieder einen anderen Kulturbegriff.