Kinder brauchen bedingungslose Liebe, um sich gut entwickeln zu können
Ausgabe: 2009/19, Mutterliebe, Halt, Kinder, bedingungslose Liebe, Mütter, Füttern, Windelnwechseln, Säugling, Betreuungsperson, Barbara Schweder, Trennung, Vater sein, Mutter-Hormon, Oxytocin, Körperkontakt
06.05.2009
- Judith Moser-Hofstadler
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Was wir mit „Mutterliebe“ meinen, geht weit über Füttern und Windelnwechseln hinaus. Ein Säugling liebt seine Betreuungsperson, die ihn umsorgt und liebkost – auch wenn es nicht die Mutter ist.
Menschen werden hilflos geboren. Sie brauchen jemanden, der sie pflegt und versorgt. Mehr noch: In den ersten Lebenstagen und -jahren ist es wichtig, dass Kinder Körperkontakt spüren. „Mutterliebe“ meint diese bedingungslose Liebe, die für Säuglinge überlebenswichtig ist. Neugeborene haben den Reflex, dass sie ihre Hände in die Luft reißen, wenn sie sich schrecken, so als würden sie sich festhalten wollen. Das ist ein letzter Rest von unseren Verwandten mit Fell – Schimpansenjungen müssen sich an der Mutter festkrallen, wenn schnelle Flucht nötig ist. Menschenkinder sind „Traglinge“. Es gibt Wiegen, die elektrisch schaukeln. Sie können aber das Tragen durch eine Betreuungsperson nicht ersetzen.
Adoption. Mutter ist jener Mensch, der dem Kind Mutterliebe gibt. Biologische Verwandtschaft ist für Kinder unwichtig. Ein Kind liebt jenen Erwachsenen, der bereit ist, für es zu sorgen, für es da zu sein und es aufzuziehen. „Die Natur hat dafür zwar die leibliche Mutter mit allen erdenklichen Voraussetzungen ausgestattet, aber manchmal ist es nicht möglich, die für beide beglückende Verbindung einzugehen“, schreibt die Anthropologin und Zoologin Barbara Schweder in ihrem Buch „Mutterliebe“. Frauen, die sich das eingestehen, brauchen Mut und Selbsterkenntnis. Einer anderen die Mutterrolle zu übergeben und ein Kind zur Adoption freizugeben, ist für Schweder „ein Akt größter Liebe und Selbstlosigkeit“. Das Kind wird sie nicht vermissen. Die Leidtragende ist die leibliche Mutter allein.
Mutter-Hormon. Das Hormon Oxytocin ist dafür verantwortlich, dass Menschen Mutterliebe empfinden können. Es wird während des Gebärens ausgeschüttet, genauso beim Stillen, es ist auch dafür verantwortlich, dass zwei Menschen als Paar zusammenbleiben, weil sie sich dabei wohlfühlen. Barbara Schweder meint, dass Oxytocin die Wurzel aller sozialen Gefühle ist: Mitgefühl, romantischer Liebe und jeder Form von geselligem Zusammensein.
Vater sein. Auch bei Männern, die sich in der Schwangerschaft mit dem Kind auseinandersetzen, ändert sich der Hormonhaushalt. Sie werden von der Natur auf Vater umgepolt. Schwangerschaftssymptome wie Gewichtszunahme sind nicht eingebildet. Wenn sich Väter von Beginn an mit ihrem Kind beschäftigen dürfen, können auch sie das geben, was „Mutterliebe“ ausmacht.
Trennung. Umgekehrt lieben Kinder ihre Bezugsperson, auch wenn sie von dieser misshandelt werden. Genau das ist das Dilemma der Jugendwohlfahrt. Eine Trennung trifft immer die Falschen – nämlich die Kinder.
Zwei Mütter
Roland (Name geändert) ist als Baby adoptiert worden. Er hat sich von beiden Elternteilen angenommen gefühlt und ist „nach Strich und Faden verwöhnt worden“. Vorerst hat er nicht geahnt, dass er kein leibliches Kind ist. Erst mit etwa zehn Jahren hat er gefühlt, dass da „etwas nicht stimmen könnte“ und zu stöbern begonnen. Mit 20 hat er eher zufällig seine leibliche Mutter kennengelernt und erfahren, dass er einen Bruder hat. Die leibliche Mutter hat ihm erzählt, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen hat. „Ich bin ihr nicht böse“, sagt Roland. „Ich hab aber oft gefragt: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich bei ihr geblieben wäre?“ Von seinen Eltern hat der heute 40-Jährige nie das Gefühl bekommen, nicht blutsverwandt zu sein. Er fühlt sich aber anders. Über seine leibliche Mutter sagt er: „Ich freue mich, dass ich sie kennengelernt habe, und möchte auch eine Beziehung zu ihr aufbauen. Eine klassische Mutter-Sohn-Beziehung wird es nie werden. Ich habe ja bereits eine Mutter!“ Wegen der Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten könnte es aber eine ganz eigene Art von Beziehung sein.´
Für sie gelesen
Mutterliebe
Unsere „vaterlose“ wird eine „elternlose“ Gesellschaft, meint Barbara Schweder. Die Autorin beschreibt, was mit Menschen ohne konstante Betreuungperson passiert, und zeigt auf, dass sich damit die ganze Gesellschaft ändert. Das Buch ist kein Beitrag zur Diskussion „Mütter sollen zu Hause bleiben“ gegen „Mütter sollen arbeiten gehen“, sondern ein Plädoyer dafür, dass sich die ganze Gesellschaft für die Kleinsten einzusetzen hat.
Mutterliebe, Barbara Schweder, Verlag Ueberreuter, 19,95 Euro.