Der Wunsch, in einer fremden Kultur zu arbeiten und eigene Kenntnisse weiterzugeben, hat Eva Böhm nach Papua Neuguinea geführt. Zwei Jahre war sie dort über HORIZONT3000 als Entwicklungshelferin tätig. Reich an Erfahrungen zurückgekehrt, gab die Juristin und Theologin nun Einblicke in ihre Erlebnisse und Eindrücke.
Im Krankenhaus in Lae herrscht Aufregung. Mühevoll wird eine junge Frau zur Notaufnahme geschleppt. Aus ihrem linken Fuß, der nur mehr ein Fußstumpf ist, blutet es so stark, dass die Frau schließlich ohnmächtig zusammenbricht. Während eines Ehestreits völlig in Rage geraten, hat ihr Mann zum Buschmesser gegriffen und ihr den Fuß abgehackt. „In Papua Neuguinea sind solche Vorfälle keine Seltenheit. Bei familiären Streitigkeiten wird schnell ein Buschmesser oder eine Axt eingesetzt. Ich habe immer wieder Frauen gesehen, denen eine Hand oder ein Fuß fehlte“, erzählt Eva Böhm, die von dieser brutalen Verstümmelung der Frau tief bestürzt war.
Gewalt. Im drittgrößten Inselstaat der Welt ist das Ausmaß an Gewalt, sei es im städtischen oder familiären Bereich oder zwischen den verschiedenen ethnischen Stämmen im Hochland Papua Neuguineas, besonders massiv. Ein Grund dafür ist die hohe Arbeitslosigkeit im Land. Viele Menschen kommen aus den Provinzen und versuchen in den Städten Arbeit zu finden, doch meist mit wenig Erfolg. 31 Prozent der Bevölkerung lebt mit umgerechnet etwa 75 Cent pro Tag unter der Armutsgrenze. Die katholische Kirche in Papua Neuguinea ist sehr bemüht, mit Randgruppen der Gesellschaft zu arbeiten, um die Gewaltsituation zu minimieren. So auch in Lae, mit 180.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Land. Eva Böhm war als Beraterin im Sozialprogramm der katholischen Kirche der Diözese Lae integriert. In Workshops hat die Juristin und Theologin mit Straßenkindern, weiblichen Häftlingen und Frauengruppen gearbeitet. Dabei ging es vor allem darum, über Menschenrechte aufzuklären, darauf hinzuweisen, was bei Gewalterfahrungen zu tun ist und die Gesetzeslage und die rechtlichen Möglichkeiten für Gewaltopfer aufzuzeigen. „Es gab auch Schulungen für Eltern, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass Gewaltverhalten schon mit der Erziehung im frühen Kindesalter beginnt und wie sie zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen können, wenn sie ihre Töchter und Söhne gleichberechtigt erziehen. In Papua sind Buben viel mehr wert als Mädchen, werden entsprechend verwöhnt, während die Mädchen großteils nicht nur körperlich, sondern auch verbal grob behandelt werden“, so Eva Böhm.
Frauen stärken. Laut den neuesten Studien, u. a. von der Caritas Australien, müssen 90 Prozent der Frauen in Papua damit rechnen, mindestens einmal im Leben krankenhausreif geschlagen zu werden oder einer Vergewaltigung ausgesetzt zu sein. „Leider ist das Gang und Gebe, vor allem in den Hochlandprovinzen, wo es noch Brautpreiszeremonien gibt. Dabei werden Schweine, aber auch Geld ausgetauscht. Danach betrachtet der Mann die Frau als sein Eigentum, d. h. dass er sie auch körperlich züchtigt, wenn er glaubt, dass ihm das zusteht. Und viele Frauen sind der Meinung, dass der Mann das auch zu Recht macht“, so Böhm betroffen. Deshalb war es ihr auch ein großes Bedürfnis, die Frauen zu stärken, ihnen klar zu machen, dass sie gleich viel wert sind wie Männer und den gleichen Respekt verdienen. „Mir wurde auch bewusst, dass es wichtig ist, mit angesehenen Männern vor Ort zusammenzuarbeiten, für die es selbstverständlich war, ihre Frauen gut zu behandeln. Mit einigen habe ich Workshops direkt in den Slums abgehalten. Sie haben den Einheimischen quasi von Mann zu Mann vermittelt, dass man Frauen nicht schlagen darf und das auch vom Gesetz her verboten ist“, erzählt die Entwicklungshelferin. Sie kann sich vorstellen, wieder nach Papua zu gehen, um an begonnenen Projekten weiterzuarbeiten. Denn es werde noch Jahre dauern, bis sich an der Gewaltsituation im Land etwas verändert.
Entwicklungszusammenarbeit
HORIZONT3000, die österreichische Organisation für Entwicklungszusammenarbeit, unterstützt arme und benachteiligte Menschen in Entwicklungsländern dabei, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Mit Projekten und personellen Einsätzen stärkt die Organisation die Kapazität der lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen und kommunalen Verwaltungen. Pro Jahr begleitet HORIZONT3000 rund 300 Projekte im Ausland. Derzeit stehen über 60 qualifizierte Menschen für die Organisation als Entwicklungshelfer/innen in mehr als neun Ländern Afrikas, Mittel- und Lateinamerikas und Ozeaniens im Einsatz. 30 Prozent der Mittel für das Personalentsendungsprogramm von HORIZONT3000 stammen von der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar (DKA), der Katholischen Männerbewegung (KMB), der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (kfbö), dem Welthaus Graz, der Caritas und der Erzdiözese Wien (Referat für Mission und Entwicklung). 70 Prozent werden von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit OEZA übernommen.