Aus der Praxis: Als Christoph (41 Jahre) die Beratungsstelle aufsucht, kann er zuerst nicht genau beschreiben, worum es ihm geht. Er ist oft unzufrieden und lustlos. Weder das Leben in der Familie, noch am Arbeitsplatz macht ihm Freude, außerdem ist er oft erschöpft, müde und schnell gereizt. Neben seinem Lehrberuf engagiert er sich ehrenamtlich im Ort, er hat eine Zusatzausbildung absolviert und vor zwei Jahren mit seiner Frau das Elternhaus, indem sie jetzt leben, umgebaut.Seine Frau übernahm in dieser Zeit immer mehr die Verantwortung für die beiden Kinder, während er sich mehr und mehr aus der familiären Beteiligung zurückzog. Das war ihm oft ganz recht, denn dadurch konnte er viel schaffen. Außerdem meinte er, dass seine Frau die Kindererziehung und den familiären Alltag sowieso viel besser im Griff hat. Inzwischen ist ihm diese „Nebenrolle“, wie er sie nennt, nicht mehr genug. Und doch gibt er schnell nach, wenn ein Vorschlag seinerseits auf Widerstand stößt.
Wenn Männer sich mehr in der Familie einbringen wollen, müssen sie Auseinandersetzungen in Kauf nehmen.
Die Wahrnehmung seiner Befindlichkeiten hilft Christoph, zu erkennen, was ihm fehlt, was für ihn nicht mehr passt. Dies ist ihm ungewohnt, denn bisher ging es um (sein) Funktionieren und um Leistungsfähigkeit.
Beziehung statt Leistung. Christoph hat sich gerne in der Rolle des erfolgreichen und zielorientierten Mannes gesehen. Jetzt muss er erkennen, dass diese Rolle nicht immer aufrecht zu halten ist. Was oft von Vorteil war – viel zu leisten und sich über die eigenen Grenzen hinweg durchzubeißen – ist nicht mehr in dem Ausmaß notwendig und findet familiär wenig Wertschätzung. Vielmehr ist jetzt Kontakt und Beziehung zur Familie gefragt und wird auch eingefordert.
Unverständnis. Das Wahrnehmen und Ansprechen „Was empfinde ich?“, „Was denke ich?“ und „Was möchte ich?“, seine eigene Haltung und Sichtweise zu äußern, braucht Ermutigung und Übung, denn seine Selbsteinschätzung im Beziehungs- und Erziehungsbereich ist noch sehr niedrig und er wird zu Hause immer wieder Widerstand und Unverständnis erleben.
Position beziehen. Erschwerend für Christophs neues Verhalten, indem er sich ebenbürtig einbringen kann, ist die Idee, dass in der Beziehung nicht gestritten werden sollte, und dass er sich im Konflikt schnell verbal unterlegen fühlt. Sein Ziel wird sein zu lernen, dass er das Recht hat, seine Position, seine Meinung und seine Bedürfnisse zu vertreten. Da es ein neues Feld ist, das er bestellen muss, wird er dabei Fehler machen, Rückschläge erleben und erkennen, dass er dabei auch verletzt wird, aber auch selbst verletzt.
Abschied vom Ideal. Dabei wird notwendigerweise sein Idealbild von der immer harmonischen Beziehung gestört, doch er wird entdecken, dass ein Konflikt, eine Auseinandersetzung nicht schlimm sind, ja letztendlich sogar Kontakt und Intimität fördern. Ein Entwicklungsweg, bei dem Christoph in der Beratung Begleitung und Unterstützung findet.