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Sakrale Kunst zwischen Heiligkeit und Gruselkabinett

Über die Wiederkehr der Religion in der zeitgenössischen Kunst
Ausgabe: 2009/20, Kunst, Kultur, Grusekabinett, Heiligkeit, Bianchi, Glauben
20.05.2009
- Elisabeth Leitner


Gott und Religion sind wieder Thema in der zeitgenössischen Kunst. Was wird sichtbar, wenn Gott gezeigt wird? – Ausstellungsmacher Paolo Bianchi geht dem Verhältnis von Kunst und Religion in Ausstellungen und Vorträgen nach. Am 24. Mai kommt er nach Linz.

Woran glauben die Künstler, Kritiker, Kuratoren?
Paolo Bianchi: Der berühmte Satz „Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, sondern macht sichtbar“ von Paul Klee verdankt sich dem Glauben an die überhöhende und stimulierende Kraft der Kunst. In der Vorstellung der Moderne gerät der Künstler in eine Nähe zu einem Politiker oder Revolutionär: Er fühlt sich als eine Person, die den Menschen das Maß gibt; er ist Herr der Werte, der dringlich machen kann, was ihm wichtig ist.

Wie ist der Umgang von Ausstellungs-machern mit Kunst und Religion?
Auffallend ist in der Tat die Wiederkehr der Götter in Ausstellungen. Sakrale Kunst wogt zwischen Heiligkeit und Gruselkabinett. Der Bildertausch zwischen Kirche und Kunsthaus birgt Chancen und Risiken zugleich. Das Überirdische erscheint in der zeitgenössischen Kunst als das Vielfache an Gottesbildern. Spannend ist zu beobachten, was mit Kreuz, Madonna und Abendmahl geschieht, wenn die Trennung zwischen sakralen und profanen Räumen aufgehoben wird.Wer Gott ausstellen will, muss gegenüber den Besuchern der Ausstellung zu dem Eingeständnis bereit sein, dass es Gott zwar nicht zu sehen geben wird, seine Anwesenheit jedoch nicht ausgeschlossen werden kann. Zeigen lässt sich vonseiten der Kuratoren immerhin das weite Land der Religion – mit Artefakten und Atmosphären.

Warum ist das Thema „Religion in der Kunst“ jetzt wieder interessant?
Meine Beobachtung in Österreich: es gibt etliche Künstler/innen, die sich wieder dem Thema Kunst und Kirche widmen. In der Diözese Linz gibt es jährlich an die zehn Kirchenraum-Neugestaltungen durch Künstler/innen. Das hängt meines Erachtens auch damit zusammen, dass die katholische Kirche den Kontakt mit Künstler/innen wieder verstärkt sucht.Es stimmt, die Religion kehrt gerade heute national und international wieder vermehrt in die Kunst wie aber auch in die Politik zurück. Erinnert sei an „9/11“, den Karikaturenstreit, die Regensburger Rede des Papstes, die Kriege in Afghanistan und im Irak oder an den Frosch-Streit in Bozen, verursacht durch den an ein Kreuz genagelten grünen Frosch des Künstlers Martin Kippenberger mit dem Bierkrug in der einen Hand und dem Ei in der anderen Hand.

Ist die Kunst ein Glaubenssystem?
Kunst bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern verschafft ihr erst Präsenz und Geltung – und damit Wahrheit. Wenn Kunst unsere matte Alltäglichkeit überhöht und so immer auch über das Gewohnte hinausweist, indem sie des Alltags Sinn erfahrbar macht und transzendiert, dann bringt sie das in eine Nähe zu Glauben und Kirche.

Wie sehen Sie das Verhältnis von katholischer Kirche und zeitgenössischer Kunst in Europa?
Ein beispielhafter Fall ist hier erwähnens-wert: Es handelt sich um Gerhard Richters Fenster für das südliche Querhaus im Kölner Dom, die im August 2007eingeweiht wurden: zusammengesetzt aus rund 11.500 Glasquadraten, in insgesamt 72 Farben und nach dem Zufallsprinzip angeordnet.Die erste Anfrage der Dombaumeisterin an den Künstler erfolgte mit dem Wunsch nach einem figürlichen Motiv. Zwar nicht Joseph oder die Jungfrau Maria, aber warum nicht ein Märtyrer oder eine Märtyrerin der Neuzeit wie Pater Kolbe oder Edith Stein. Richter brach das Heiligen-Unternehmen ab, bis ihm zur Erleuchtung der Zufall zu Hilfe kam. Er legte spielerisch eine Schablone vom Rahmen der Domfenster auf eine Reproduktion seiner frühen Farbtafelbilder und erschrak: „Weil es gut aussah. Es war die einzige wahrhaftige Möglichkeit.“

Was kann die Kunst dem Menschen geben? Ist sie ein Korrektiv der Gesellschaft?
Nach dem Ende der großen Utopien und einem weltweiten Sieg des Marktes, den Weltmächten und Weltkonzernen ausgesetzt, sehnen sich nicht wenige Menschen nach einem Sinn jenseits des Konsums und des Körperkults. Viele greifen zurück auf konventionelle Traditionen und Rituale, auch denen der Religion, obwohl sie ausgesprochen anfechtbar sind.
Andere wiederum stellen Fragen nach dem Sinn des Lebens und finden Halt in sich selbst oder in der Kunst. Sie glauben an sich und an die Realitäten, in welchen sie leben. Die Kunst kann hier eine wesentliche Rolle spielen, in dem sie Trost spendet, zur Flucht verhilft oder eine Revolution ermöglicht – nach außen in der Gesellschaft wie nach innen für die eigene Lebenswirklichkeit.

Wie ist Ihr persönlicher Zugang zum Thema Kunst und Religion?
Religion heißt letztlich für mich nicht, an dies oder jenes zu glauben, sondern mich auf eine Weise zu verhalten, die das eigene Menschsein radikal transformiert und es damit in die Nähe der größten Erkenntnis hebt. Wesentlich dabei ist das Befolgen der so genannten goldenen Regel, die als erster Konfuzius (551–479 v. Chr.) formuliert hat: „Tue anderen nicht, was du nicht möchtest, dass sie dir tun.“ Wenn es mir gelingt, diesen Rat zu befolgen, würde ich das erreichen, was die Griechen „ekstasis“ nannten – eine Befreiung vom selbstsüchtigen Egoismus, der uns die Erleuchtung verwehrt.


Kunst und Religion

Am So., 24. Mai, findet ab 10 Uhr die Bildungstagung der Katholischen Hochschuljugend Österreichs zum Thema: „wenn wir die bilder nicht hätten ...“ – Bild und Kult, Kunst und Religion mit Workshops und Referaten in der Kunstuni Linz, Kollegiumgasse 2, statt (u. a. mit: Monika Leisch-Kiesl, Hubert Nitsch, Günter Rombold, Martina Gelsinger). Das Referat von Paolo Bianchi zum Thema „Gott ausstellen – Religion in der zeitgenössischen Kunst“ beginnt um 16 Uhr. Bianchi ist als Ausstellungsmacher mitverantwortlich für das Projekt „Höhenrausch. Kunst über den Dächern von Linz“ (ab 29. Mai).
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