Zeit ist kostbar, sagt man, und teuer.Trotzdem: Viel Zeit bleibt ungenutzt liegen, weil man sie zu schnell als verlorene Zeitbetrachtet. Dabei kann man aus Zwischenzeiten durchaus viel machen. Man muss sie veredeln. Dann wird aus „verlorener“ Zeit eine geschenkte Zeit.
„Der Zug aus Basel Richtung Wien Westbahnhof hat voraussichtlich zehn Minuten Verspätung.“ Die Durchsage frustriert. Zehn verlorene Minuten! Also herumstehen, warten – und sich ärgern. Doch von all den Möglichkeiten, die einem jetzt offenstehen, ist der Ärger die unergiebigste. Der Kopf sagt es einem. Es nutzt nichts, wenn du dich ärgerst. Das vergrämt nur dein Gemüt – und man wird dich als grantigen Menschen erleben. Um keine einzige Minute wirst du früher am Ziel sein. Es gibt eine andere, bessere Möglichkeit: Die Verspätung als eine unerwartete freie Zeit zu nehmen – und das Beste daraus zu machen.
Die Zeit und ihre Möglichkeiten. Ich kann den Bahnsteig in seiner ganzen Länge hinauf und wieder herunterschreiten. Diesen Tag würde ich ohnehin kaum Gelegenheit zur Bewegung haben. Das ist die eine, auf der Hand liegende Möglichkeit. Ich kann die Leute betrachten, die frustriert wie ich auf dem Bahnsteig warten. Wie reagieren sie auf die unerwartete, wenngleich nicht selteneSituation? Von solcher Betrachtung der Menschen leben ganze Wissenschaften. Ich kann mich in diesen zehn Minuten, aus denen der Erfahrung nach ohnehin 15 werden, in diesem Sinn wissenschaftlich betätigen und meine Menschenkenntnis vertiefen. In diesen zehn Minuten redet mir niemand was drein. Wann hat man das schon?
Denken oder Rasten. Ich kann mich ruhig auf eine Bank setzen, ein paar Seiten lesen. Zehn Minuten reichen, um zu überlegen, was mir heute bevorsteht, bis in den Abend hinein. Ich kann meine Gedanken ein wenig ordnen und dem vielleicht ohnehin schlampig begonnenen Tag eine Richung geben. Ich muss allerdings nichts tun. Ich kann aber auch – ganz einfach – rasten. Ich könnte sogar jemanden ansprechen. Die Pünktlichkeit der Bahn wäre ein geeignetes Thema – für den Anfang.
Die Chance des Augenblicks. Ein vielbeschäftigter Mensch sagte mir einmal, erhabe die Zeit zwischen seinen vielen Aufgaben zu schätzen gelernt. Auf dem Weg von einem Termin zum nächsten nimmt er die Natur ganz bewusst wahr, freut sich über die Schöpfung, die er in dieser Zeitritze zwischen zwei Erledigungen wahrnehmen darf. Solche Wege genießt er, als ob es Spaziergänge wären. Sein Leben, in dem die freien Momente nur mehr in so engen Zeitfenstern Platz haben, erschien mir damals als eher traurig.
Verloren oder bedeutend. Aber ist es nicht wie beim Wetter? Wenn einen ganzen Tag lang Regenwetter herrscht, so sind die wenigen Momente, an denen sich die Sonne zwischen den Wolken zeigt, besonders schön. Wie beim Wetter, so bei der Zeit. Sie ist nicht von vorneherein gut oder schlecht und schon gar nicht verloren. Es kommt darauf an, wie man sie nimmt.
Zeit ehren. Wie sagte man beim Geld? Wer den Groschen nicht ehrt, ist den Schilling nicht wert. Bei der Zeit ist es nicht anders. In jeder noch so kurzen Zeitspanne liegt die Chance, dass sie zu einem bedeutenden Augenblick des Lebens wird.
Welcher Zeittyp bin ich?
Sie haben es eilig und die Ampel schaltet auf rot. Wie reagieren Sie am ehesten?
o Sie fluchen und schimpfen auf Gott und die Welt. o Sie lehnen sich zurück und betrachten dieGesichter der Entgegenkommenden. o Sie denken sich gar nichts und warten.
Sie haben sich mit jemandem verabredet, doch der ist seit zehn Minuten überfällig.
o Sie ärgern sich über ihn und seine Unpünktlichkeit – und warten missgelaunt. o Sie fangen ruhigen Gewissens eine Arbeit an. o Sie suchen seine Telefonnummer und rufen an.
Sie haben die Zeit übersehen und kommen zu spät zu einem wichtigen Termin.
o Sie ärgern sich grün und blau. o Sie grübeln über eine Ausrede nach, die Ihre Unpünktlichkeit entschuldigen soll. o Sie nehmen sich vor, sich zu entschuldigen und es nicht mehr vorkommen zu lassen.
Sie sind eine Vietelstunde vor dem vereinbarten Termin gekommen. Was tun sie?
o Sie gehen gleich hinein. Die werden schon Zeit haben! o Sie machen noch eine Erledigung, die aber eine halbe Stunde dauern könnte. o Sie suchen sich ein Plätzchen und gehen Ihren Gedanken nach.
Auswertung: Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit für die Beantwortung der Fragen – vergleichen Sie ihre wahrscheinlichste Reaktion auf die Situation mit ihrem Wunschbild, wie Sie eigentlich reagieren möchten.