„Gäbe es euch nicht, könnte ich meine Mutter nicht so oft besuchen“, erzählt eine Frau im „Dorfmobil“. Gertraud Leitzenberger hat sie eben von Steyrling abgeholt und bringt sie zur Bushaltestelle an der Gemeindegrenze bei Frauenstein, die Wegstrecke ist nicht lang – sieben Kilometer.
Die Strecke ist eigentlich kurz. Aber das ist relativ. Sieben Kilometer können für nicht Motorisierte und für Menschen, die die Füße nicht mehr gut tragen, eine Unendlichkeit sein. So werden geografische Entfernungen auch zu gesellschaftlichen Entfernungen. Man ist schnell weg aus der Gemeinschaft. Nicht so in Klaus.
13 Stunden am Tag. Klaus, Steyrling und Kniewas sind die drei Ortschaften der Gemeinde Klaus. Charakteristisch für die Gemeinde sind zwei kompakte Siedlungskerne und eine sonst ausgeprägte Streusiedlungs-Struktur. Die Bewohner/innen haben bis zu acht Kilometer Weg zurückzulegen, um zum „Dorfladen“, zur Ärztin oder zur nächsten Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels zu kommen. Das große Gemeindegebiet ist dünn besiedelt. Herkömmlicher öffentlicher Verkehr fehlt weitgehend, er wäre zu unwirtschaftlich. In dieser Situation hat sich die Gemeinde 2002 etwas Besonderes einfallen lassen: das Dorfmobil Klaus-Steyrling-Kniewas. Es verkehrt auf Anruf und Bestellung von Montag bis Freitag in der Zeit zwischen 6 Uhr früh und 7 Uhr am Abend. Zum Einheitstarif von 1,50 Euro werden Fahrgäste im Gemeindegebiet bzw. Schulsprengel abgeholt und zum Ziel gebracht. Dafür wechseln sich 14 Chauffeurinnen und Chauffeure täglich ab.
Am 7. Mai macht Gertraud Leitzenberger, pensionierte Gymnasialprofessorin, Dienst. Sie holt, wie im Voraus vereinbart, den eingangs schon zitierten Fahrgast im Zentrum von Steyrling um drei viertel vier Uhr am Nachmittag ab. Während sie die Frau zur Ausstiegsstelle bringt, ruft ein Schüler aus dem Zug am Dorfmobil-Handy an und bestellt den Fahrdienst zum Bahnhof. Frau Leitzenberger bestätigt den Auftrag. Es wird ihr fünfzehnter Fahrgast an diesem Tag sein.
EU-geförderte dörfliche Mobilität. Die Idee zum Dorfmobil wuchs aus einer Randbemerkung bei einer Informationsveranstaltung in Hinterstoder. Eine Expertin der Universität für Bodenkultur stellte Überlegungen zur ländlichen Raumplanung vor und erwähnte, dass die EU ein dörfliches Mobilitätsprojekt fördern würde. Der junge Gemeinderat Michael Kornek, heute Vizebürgermeister, sprang auf die Idee auf. Mittlerweile ist das Dorfmobil etabliert: Ein Verein wurde gegründet, ein Auto angeschafft. Die Chauffeurinnen und Chauffeure planen ihre Fahrbereitschaften monatlich. Sie sind ehrenamtlich unterwegs.
40.000 Kilometer im Jahr. Das Dorfmobil legt täglich bis zu 260 Kilometer zurück; 40.000 Kilometer im Jahr. 40.000 Kilometer, die dafür sorgen, dass Menschen mehr zueinanderkommen und besser an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen können. 40.000 Kilometer auch, die manches Zweitauto ersparen und damit einen Beitrag zur Umweltschonung leisten.
Zusammenspiel. Der „Dorfladen“ in Steyrling, der einzige Nahversorger, steht in partnerschaftlicher Verbindung mit dem Dorfmobil. Der Laden wird ebenfalls von einem Verein geführt, sonst gäbe es das Geschäft nicht mehr. Wer zum Einkaufen mit dem Dorfmobil kommt und um mindestens 20 Euro einkauft, erhält das Fahrgeld zurück!
Ein ganz normaler Tag
22. Mai, ein idyllischer Zwickeltag in Steyrling. Es ist Mittagszeit. Auf der Straße, die weiter ins Brunnental und in die Bernerau führt, sind nur wenige Autos unterwegs. Eines davon ist das Dorfmobil: KSK 1. Ihm kann man hierorts untertags immer wieder begegnen. An diesem 22. Mai ist Franziska Holzmüller am Steuer. Etwa zehn Fahrten hat sie bis Mittag schon gemacht. Sie lenkt von Anbeginn des Vereins (2002) zwei bis drei Mal im Monat das Dorftaxi und sorgt, wie alle anderen Chauffeure und Chauffeurinnen für eine gute Verbindung zwischen Klaus, Steyrling und Kniewas. „Klaus und Steyrling, beide haben eine eigene Musi, eine eigene Feuerwehr“, erzählt sie über das eigenständige dörfliche Bewusstsein der Ortschaften. „Aber wir haben ein Dorftaxi!“ Auf die Frage, ob mehr Frauen oder mehr Männer Fahrdienste leisten, rechnet sie nach: „Es sind wohl mehr Männer, aber die Frauen fahren öfter.“
Gutes Beispiel
Mittlerweile gibt es in Österreich ein zweites „Dorfmobil“ – es fährt in einer Osttiroler Gemeinde. Das Dorfmobil Klaus-Steyrling-Kniewas hat ein gutes Beispiel gegeben.
- Das Dorftaxi können auch Touristen nutzen: Tel. 0664/43 45 647.