Ausgabe: 2009/22, Erinnerungen, Seele, Pfingsten, Postkarte, Heiliger Geist, Apostelgeschichte, Korinther, Johannes, Wort zum Sonntag, chemische Reaktion, Michael Willam, Geist, Maria Kampas, Wort zum Sonntag,
27.05.2009
Am liebsten möchte man die ganze Welt umarmen, es wird einem leicht in der Brust und man fragt sich, woher dieses Gefühl bloß kommt . . . Diese Gefühle der Liebe und der Hoffnung sind eine Art „Postkarte“ des Heiligen Geistes – wie Grüße oder Erinnerungen für die Seele, um ihr zu sagen, wo sie eigentlich hin sollte.
1. Lesung
Apg 2, 1–11
Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
2. Lesung
1 Kor 12, 3b–7. 12–13
Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet. Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. [. . .] Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.
Evangelium
Joh 20, 19–23
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.
Geist
Ruach, die auf den Urfluten brütet, Atem der ganzen Welt, du bist Ursprung und Mutter, die uns im Schoße hält.
Taube, die Frieden bringt auf die Erde, Frieden der ganzen Welt, breit die Flügel über uns alle lehr, wie man Frieden hält.
Feuerzunge, fallend vom Himmel, Sprache für alle Welt. Gib uns die Worte, von dir zu künden, die du die Nacht erhellst.
Maria Kampas
Wort zum Sonntag
Mehr als eine chemische Reaktion . . .
Der Heilige Geist. Wer oder was ist das eigentlich? Kommt Ihnen dieser Ausdruck nicht auch manchmal etwas hochtrabend und abgehoben vor? Drei Aspekte scheinen mir wichtig, um diesen mysteriösen Geist besser zu verstehen:n Der Heilige Geist ist Beistand in der Not. Wenn es brenzlig wird in unserem Leben, wenn wir existentiell bedroht oder hinterfragt werden, wenn Situationen ausweglos erscheinen und wir zu zerbrechen drohen, dann spendet dieser Geist Kraft. Kraft zu erdulden, Kraft weiterzumachen und Kraft im Innersten frei zu werden. n Der Heilige Geist kommt nicht wie ein laues Lüftchen daher, sondern wie ein gewaltiger Sturm! Unvermittelt, beinahe ungestüm „überfällt“ er die Menschen, die nach ihm suchen. Genau diese Erfahrung der Jünger, dass der Geist von außen „auf sie herab“ kommt und sie plötzlich zutiefst berührt und verwandelt, zeigt, mit welch unbändiger Energie Gott hier am Werk ist. n Der Heilige Geist wirkt heute so wie damals. Kennen Sie Situationen, in denen sie am liebsten die ganze Welt umarmen möchten? Mit einem Mal quillt Ihr Herz über vor Liebe und Wärme. Sie bekommen Gänsehaut und Tränen füllen Ihre Augen. Sie haben Mitleid mit Menschen, die Ihnen Böses tun. Es wird Ihnen leicht in der Brust und Sie fragen sich, woher dieses Gefühl bloß kommt . . . Das Großartigste und Zentralste, das ich in den Jahren des Theologiestudiums über den christlichen Glauben gelernt habe, ist die Erkenntnis, dass diese Gefühle mehr bedeuten als nur eine vorübergehende Euphorie, die durch chemische Reaktionen in meinem Gehirn verursacht wird.
Zum Weiterdenken
Diese Gefühle der Liebe und der Hoffnung sind eine Art „Postkarte“ des Heiligen Geistes – wie Grüße oder Erinnerungen für die Seele, um ihr zu sagen, wo sie eigentlich hin sollte. Unvermittelt braust dieser Geist auf einen kurzen Besuch bei uns vorbei – wenn wir offen sind für ihn. Offen für den Heiligen Geist zu sein heißt letztlich, dieser Liebe Raum zu geben im Leben.
Michael Willam ist der Leiter des EthikCenters (www.ethikcenter.at) der Katholischen Kirche Vorarlberg.