Wer sich selbst nicht akzeptiert, kann nicht von anderen erwarten, dass sie das tun
Ausgabe: 2009/22, Bewusst leben, Ängste, Ängste bewältigen, Lebensberatung, Probleme
27.05.2009
- Katharina Huber, Beratungszentrum der Caritas Tirol
Aus der Praxis: Anita kommt in die Beratung, weil sie ihr Leben verändern möchte. Sie berichtet, dass sie so ängstlich sei, dass sie kaum mehr aus dem Haus gehen kann. Sie schläft in der Nacht kaum, in der Früh ist sie müde und kommt nicht aus dem Bett. Einkaufen oder Behördengänge sind unerträgliche Hürden. Anita hat auch berufliche und finanzielle Probleme. Sie erzählt, dass sie in einem Projekt einen Arbeitsplatz gefunden hat. Damit sie das durchhält, möchte sie auch die anderen Bereiche in ihrem Leben anschauen.
Wer Angst vor anderen hat, tut sich schwer, eigene Stärken zu sehen. Sich vorzustellen, was in einer Situation das Schlimmste wäre, was passieren könnte, kann helfen.
Als junge Frau absolvierte Anita eine Lehre, war lebenslustig und mit sich und der Welt zufrieden. Sie machte viele schlechte Erfahrungen mit Freunden, verlor ihre Arbeit und zog sich immer mehr zurück. Es ging soweit, dass es Tage gab, an denen sie überhaupt nicht aus dem Haus kam. Sie konnte sich auch keine Hilfe holen, weil sie sich schämte. Überall sah sie die Gefahr, erkannt und angesprochen zu werden. Sie sagte: „Ich bin eine Versagerin und niemand kann mich akzeptieren.“ – Sie selbst am wenigsten.
„Schuld“ überdeckt Erfolg. Durch das Reden über ihre Vergangenheit und ihre „Schuld“ wurde diese leichter und konnte relativiert werden. Anita redete sehr leise, alles war ihr peinlich, und niemand sollte sie sehen. Alles was sie tat, fand sie selbstverständlich. Sie konnte keinen Erfolg sehen.
Reden statt flüchten. Viel Aufmerksamkeit legten wir in der Beratung auf die Kleinigkeiten. Anita war inzwischen schon ein Jahr lang in diesem Projekt beschäftigt, obwohl auch Probleme am Arbeitsplatz zu bewältigen waren. Vorher war ihre Lösungsstrategie Flucht und Verstecken. Jetzt redeten wir über die Probleme und darüber, wie sie ihre Argumente vorbringen kann, und wie Veränderungen aussehen könnten. Sehr oft wurde die Frage gestellt: Was könnte schlimmstenfalls passieren und was kann sie gewinnen?
Ich kann etwas! Anita sah, dass sie im Vergleich zu ihren Arbeitskollegen einiges Können und Wissen mitbringt und dies auch umsetzen kann. Es war notwendig, sie immer wieder auf diese Erfolge aufmerksam zu machen, sie konnte sie lange einfach nicht wahrnehmen. Wir haben Alltagssituationen und ihre Geschichte besprochen. Anita lernte auch ihre Gefühle wahrzunehmen, zu formulieren und zu akzeptieren. Ihre Unsicherheiten hatten Platz in den Gesprächen und damit konnte sie sich selber wieder verstehen und ihre Stärken und Schwächen sehen.
Neue Freiheit. Anita beendete die Arbeit im Projekt und ist auf Arbeitssuche. Sie kann sich jetzt wieder frei bewegen und für ihre Interessen einstehen.