Ausgabe: 2009/23, Umweltschutz, Luiz Cappio, Bischof, Brasilien, Flussumleitung, Rio Sao Francisco
03.06.2009
- Susanne Huber
Dom Luiz Cappios Einsatz für die Umwelt und für die Rechte von sozial benachteiligten Menschen haben ihn über die Grenzen Brasiliens hinaus bekannt gemacht. Der Bischof von Barra war vor kurzem in Deutschland und Österreich unterwegs und hat über seine Arbeit berichtet.
Sie haben bereits zweimal durch Fasten und Beten auf die negativen Folgen der umstrittenen Ableitung des Rio São Francisco im Nordosten Brasiliens aufmerksam gemacht. Wie ist der letzte Stand der Dinge?
Dom Luiz: Leider gehen die Arbeiten zur Flussumleitung unter der brasilianischen Armee weiter. Doch der Protest gegen Umweltzerstörung und Ausbeutung der sozial benachteiligten armen Flussanrainer hat international Wellen geschlagen. Viele Menschen und Organisationen, auch in Deutschland und Österreich, haben sich mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen solidarisiert und unterstützen unsere Fasten- und Gebetsgruppen, die wir 2005 und 2007 gegen das Projekt der Verlegung des ursprünglichen Flusslaufes des Rio São Francisco ins Leben gerufen haben.
Was steckt hinter dem Projekt?
Dom Luiz: Ein Schwindel. Denn mit dem Flussumleitungsprojekt beabsichtigt man im Namen der dürstenden Armen die Absicherung der Wasserzufuhr für die Herstellung und den Export von wasserintensiven Produkten wie etwa Zuckerrohr für die Gewinnung von Ethanol. Die Menschen, die am Ufer des Flusses wohnen, bleiben in Wahrheit auf der Strecke und ihre Existenz ist durch die Flussableitung, durch Waldrodungen und den Bau von Wasserkraftwerken bedroht. Deshalb verteidigen wir den Fluss und engagieren uns für eine nachhaltige und gerechte Nutzung der natürlichen Ressourcen, um die Würde der Armen in diesem Gebiet wiederherzustellen. Mit ihnen wollen wir aktiv und gewaltfrei Recht und Gesetz einfordern, die unterschiedslos für alle gelten sollten.
Offensichtlich aber nicht für alle gelten.
Dom Luiz: Wir stecken in einer schwerwiegenden ethischen Krise. Viele lassen sich von Individualismus und Zielen der reinen Nützlichkeit und nicht von allgemeinen grundlegenden Prinzipien leiten. Das hat zur Folge, dass die Menschen entmenschlicht und die Schöpfung zerstört werden. Der Sinn für das Leben, die Gesellschaft und die Humanität geht so verloren.
Was ist der Grund dafür?
Dom Luiz: Der jüngste Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen zeigt, dass die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung 82,4 Prozent des Reichtums unseres Planeten beanspruchen, während die ärmsten 20 Prozent sich mit kaum 1,6 Prozent abfinden müssen. Diese Ungleichheit lässt sich politisch nicht mehr halten und ist ethisch inakzeptabel. Die Ursache dafür ist die Ökonomie des ungezügelten Marktes und die damit verbundene wirtschaftliche Globalisierung, errichtet auf dem Dogma der Gewinnmaximierung um jeden Preis, bis hin zu Krankheit und Tod von Millionen von Menschen. Wir müssen ein freies und solidarisches Miteinander aller Lebensformen wiederherstellen. Der heilige Franz von Assisi hat mit seinem Vorschlag eines ,ewigen Friedens‘ bereits 800 Jahre vor den aktuellen sozialen Problemen und Umweltkatastrophen die universale Geschwisterlichkeit als den Weg zur Erlösung und zur Ehre des Schöpfers vorgestellt.
Was sind Ihre nächsten Pläne bezüglich der Flussumleitung?
Dom Luiz: Vor kurzem haben wir mit einem neuen internationalen Vorstoß gegen die Verlegung des Rio São Francisco begonnen. Initiiert wurde die Kampagne von den 32 indigenen Völkern, die an den Ufern des Flusses leben und direkt von den negativen Auswirkungen der Umleitung betroffen sind. Sie fordern das Oberste Bundesgericht in Brasilien dazu auf, über noch ausstehenden Rechtsverfahren der Flussumleitung zu entscheiden, insbesondere im Hinblick auf die Verletzung ihrer Rechte.
Mittels E-Mail kann die Kampagne „Keine Ableitung des São Francisco Flusses“ unterstützt werden: www.regenwald.org