Zwar gilt die Gewalt gegen Christen im indischen Bundesstaat Orissa seit Jänner 2009 als offiziell beendet. Dennoch sitzt die Angst vor neuen Ausschreitungen tief. Der katholische Erzbischof von Cuttack-Bhubaneswar/Orissa berichtete im Zuge seines Österreichaufenthalts vergangene Woche über die Situation in seiner Heimat.
Geplünderte Geschäfte, verbrannte Häuser, zerstörte Kirchen, verletzte und getötete Menschen: Im indischen Bundesstaat Orissa haben die Übergriffe fanatischer Hindu-Extremisten gegen Christen von Weihnachten 2007 und August 2008 viel Leid mit sich gebracht. Mehr als 50.000 Christen sind vor Gewalt, Plünderung und Zerstörung geflohen. 24.000 Leute wurden in Flüchtlingslagern versorgt. „Derzeit sieht es so aus, dass noch 2000 Menschen in den Flüchtlingslagern untergebracht sind. Sie haben immer noch Angst vor neuen Gewalttaten“, sagt Erzbischof Cheenath.
Diskriminierung. Jene Christen, die in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, werden weiterhin diskriminiert und eingeschüchtert. „Ihnen wird gedroht, wenn sie nicht zum Hinduismus übertreten, dann sollen sie wieder verschwinden. Oder sie müssen Geld bezahlen, um wieder in ihr Dorf zu gelangen“, so der Bischof empört. Hilfe und Unterstützung für die Verfolgten (von den 1,1 Milliarden Einwohnern Indiens sind 2,4 Prozent Christen) sei seitens der indischen Regierung kaum gegeben, klagt Cheenath. Um Zwangskonversion und Gewalt gegen Christen zu verhindern, sei deshalb internationaler Druck auf die Regierung Indiens nötig.
Hintergrund. Als Grund für die Christenverfolgung sieht der indische Erzbischof zum einen das Ziel der fundamentalistischen Hindu-Bewegung RSS, eine Hindu-Nation zu gründen. „Die Hindu-Extremisten wollen keinen Säkularstaat, in dem Religionsfreiheit herrscht, wo alle Menschen gleich sind.“ Zum anderen setzt sich die Kirche für die Kastenlosen, die Dalits, ein, die von der indischen Gesellschaft massiv benachteiligt werden. „Deshalb befürchten die Hindu-Nationalisten, dass das Kastensystem zu Fall gebracht werden könnte. Dabei ist in der indischen Verfassung festgeschrieben, dass jede Diskriminierung aufgrund von Kasten verboten ist. Viele Menschen in Indien setzen sich dafür ein, dass diese Kastenlosen ihre Rechte erlangen.“
Wiederaufbau. Offiziell sind während der Unruhen in Orissa 95 Menschen getötet worden. „Wie viele Leute tatsächlich ums Leben gekommen sind, muss von der indischen Regierung untersucht werden“, fordert Raphael Cheenath. Insgesamt wurden 5000 Häuser, 214 Kirchen und weitere 30 Einrichtungen der Christen zerstört. Es gibt Pläne, 2000 der 5000 zerstörten Häusern wieder aufzubauen. Ein Drittel der Kosten trägt die Regierung, einen Teil die Kirche und freiwillige Spender. „Wir hoffen, dass in den nächsten zwei Jahren alle Häuser wieder errichtet werden können“, so Cheenath.
Im Blick
Christenverfolgung
Weltweit werden rund 250 Millionen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt; im Westen wird diese Entwicklung aber viel zu wenig wahrgenommen, so der Tenor einer Informationsveranstaltung kürzlich in Wien, zu der die Katholische Hochschulgemeinde geladen hatte. Unterdrückung und Verfolgung gibt es vor allem im arabischen Raum, in Indien, China, Nordkorea und Südamerika. Aktuelle Erhebungen von UNO und OSZE ergeben, dass etwa Intoleranz gegen Christen durch Stigmatisierung und negative Stereotypisierung im Steigen begriffen ist, sagte Gudrun Kugler von der Menschenrechtsinitiative „Christianophobia.eu“. Sie rief dazu auf, sich für verfolgte Christen einzusetzen, sei es durch Petitionen, Spenden, Gebet oder aktive Unterstützung vor Ort.