Die Kommission „Iustitia et Pax“ feierte ihren 40. Geburtstag
Ausgabe: 2009/24, Welt aktiv mitgestalten, Iustitia et Pax, Kommission, 40. Geburtstag, Ingeborg Gabriel, Sozialethikerin, Peter Zurbriggen, Nigeria, John Onaiyekan, Abuja
10.06.2009
- Hans Baumgartner
Vergangene Woche feierte die bischöfliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (Iustitia et Pax) mit einem Festakt und einer Fachtagung zur Wirtschaftskrise ihren 40. Geburtstag. Wir sprachen mit der Direktorin von Iustitia et Pax, Ingeborg Gabriel.
Was ist die Kommission Iustitia et Pax? Gabriel: Für mich sind die auf eine Anregung des II. Vatikanischen Konzils hin in Rom und vielen Ländern eingerichteten Iustitia-et-Pax-Kommissionen so etwas wie Denk- und Dialogwerkstätten, die deutlich machen, dass die Befassung mit Themen wie Armut, Friede und Versöhnung, Gerechtigkeit und Entwicklung zentral zum Christsein gehören.
Wie arbeitet die Kommission und wie sehen Sie ihre Wirkung? Gabriel: Unsere Kommission umfasst derzeit 23 Mitglieder und 17 Konsultator/innen. Diese befassen sich mit verschiedenen grundsätzlichen oder aktuellen Themen, etwa zu Europa, das uns ein ganz großes Anliegen ist. Daraus entstehen Analysen oder Positionspapiere. Darüber hinaus gibt es so etwas wie eine informelle Ebene: Da der Kreis unserer Mitdenker ausgewiesene Fachleute aus sehr unterschiedlichen Bereichen sind, tragen sie vieles, was bei uns Thema ist, in eigener Verantwortung in ihre Wirkungsbereiche hinein, in die Kirche, die Wissenschaft, die Politik, in die Wirtschaft oder in zivilgesellschaftliche Organisationen. Dies ist nach außen hin weniger sichtbar und wird oftmals auch nicht direkt mit Kirche verbunden, aber es ist so etwas wie ein Sauerteig, der an wichtigen Stellen in die Gesellschaft hineinwirkt. Außerdem versuche ich, seit ich vor eineinhalb Jahren diese ehrenamtliche Tätigkeit übernommen habe, dass wir Foren bilden, die einzelne aktuelle Themen auf einer breiten kirchlichen und gesellschaftlichen Basis diskutieren und nach Lösungsansätzen suchen.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Gabriel: Ein solches Thema wäre der Frauenhandel, von dem allein in Europa, das sich ja zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet hat, an die 500.000 Frauen betroffen sind. Wir haben dazu vor kurzem einen Informations- und Diskussionsabend veranstaltet, an dem von der Legio Mariä über die Caritas bis zum SPÖ-Frauenclub ein ganz breites Spektrum von Interessierten teilgenommen hat. Ein Resultat davon ist, dass wir dieses brennende Thema in einer eigenen Arbeitsgruppe fortführen wollen – auch weil wir möchten, dass sich die Kirche hier stärker und entschiedener engagiert. Ein anderes Thema ist das der Versöhnung mit unseren Nachbarländern, wo es noch viele historische Belastungen aufzuarbeiten gilt.
Zum „Geburtstag“ stand die Wirtschaftskrise auf der Tagesordnung. Warum? Gabriel: Weil ich glaube, dass wir uns mit den Auswirkungen dieser Krise viel ernsthafter und tiefer befassen müssen, als das derzeit geschieht. Es geht hier einerseits angesichts steigender Arbeitslosenzahlen um die Frage einer anständigen, menschenwürdigen Mindestsicherung. Es muss aber auch endlich eine offene, sachkundige und faire Debatte über Gerechtigkeit in Gang gebracht werden. Da sind wir von echten Lösungen noch weit entfernt.
Aber ist nicht gerade das ein Beispiel dafür, dass die Kirche gesellschaftspolitisch ziemlich lahm agiert? Gabriel: Es gibt schon etliche kirchliche Einrichtungen, die an diesem Thema dran sind. Aber ich bin überzeugt, dass die Kirche hier und in vielen anderen Bereichen mehr tun müsste und könnte – gerade weil sie als überparteiliche Einrichtung Foren für einen breiten gesellschaftlichen Dialog bieten könnte. Dazu wäre aber auch notwendig, dass man innerhalb der Kirche die vom Konzil ausgegebene Formel ernst nimmt, dass es zu gesellschaftlichen Fragen unter Christen legitim unterschiedliche Meinungen geben kann. Der Glaube gibt uns Orientierungen, aber keine Patentlösungen, etwa zur Bewältigung der Wirtschaftskrise. Für mich als Christin gilt als Auftrag, die Zukunft denkend mitzugestalten.