Regisseur Larry Charles und der Entertainer Bill Maher haben sich auf eine filmische Reise durch mehrere Länder gemacht, um die absonderlichsten fundamentalistischen Ausprägungen der drei großen Offenbarungsreligionen zu demaskieren. Eine fragwürdige Entdeckungsreise ist daraus geworden.
Im Themenpark „Holy Experience” in Florida, wo die Passion Christi als Musical präsentiert wird, brechen die Touristen hysterisch in Tränen aus, wenn Jesus gekreuzigt wird, während am Firmament ein Flugzeug über ihren Köpfen dröhnt. In dieser filmischen Sequenz schweigt endlich einmal Bill Maher, der Showmaster des Films, der uns wie eine barocke Narrenfigur mit seiner simulierten Naivität den gesamten Film hindurch niederquasselt.
Religion des Zweifels. Der Titel des Films „Religulous“ ist eine Wortschöpfung aus „religion” und „ridiculous” (lächerlich”). Larry Charles – er ist auch Regisseur des fragwürdigen Kultfilms „Borat“ – hat in diesem Film Buddhismus und Hinduismus nicht thematisiert. Maher interviewt einfache Menschen, die er nicht so bloßstellt wie beispielsweise Politiker oder Prominente. Er besucht Themenparks, in denen die gnadenlose Kommerzialisierung religiöser Inhalte regiert, er kommentiert, macht lächerlich und predigt seine „Religion des Zweifels”, die aber keine ist.
Gewaltiger Wortschwall. Die filmische Dramaturgie des Films kommt ihm dabei in die Quere: „Religulous“ ist dermaßen dialoglastig, dass der Zuschauer angesichts des Bombardements der Wörter, die während der 100 Minuten auf ihn niederprasseln, zu keinerlei Verarbeitungsmöglichkeit kommt. Was aber ohnehin nicht nötig ist, denn der omnipräsente Egomane Bill Maher agitiert im Stile eines Michael Moore genauso wie viele der von ihm kritisierten Wanderprediger. Die Montage des Films verstärkt diese Haltung nur noch: Immer wieder montiert Charles Bibelfilmsequenzen und ironische Popzitate in den Bildfluss, Untertitel werden als enthüllender Kommentar eingeblendet.
Endzeitliches Szenario. Maher bündelt in erster Linie fundamentalistische Manifestationen religiöser (?) Haltungen. Die Penetranz, mit der er religiöse Texte auf Buchstabentreuheit reduziert, bringt ihn selbst in gefährliche Nähe der Kreationisten, die ihm berechtigterweise ein willkommenes Opfer sind. Und die apokalyptischen Bilder gegen Ende des Films, die ein atomares Inferno hervorrufen, während Maher fast schon verzweifelt der Menschheit eine Zukunft nur ohne Religion prophezeit, richten sich letztendlich gegen den Film selbst: Atomare Bedrohungen und Klimakatastrophen sind das Ergebnis rationalen Fortschrittsglaubens und Maher als Nostradamus des 21. Jahrhunderts wirkt wiederum als gegenaufklärerische Figur par excellence.
Platte Religionskritik. Charles und Maher gehen in keiner Sequenz des Films auf alternative Möglichkeiten ein, Religion zu verstehen und auszuüben. Sie reflektieren in keiner Weise die gesellschaftspolitischen Hintergründe des Erstarkens fundamentalistischer Haltungen, die vielleicht auch damit erklärt werden können, dass in einer säkularisierten Welt alternative Visionen fehlen, die den Menschen Halt geben, sodass autoritäre Systeme wieder mehr Zustrom finden. Auch das wäre interessant gewesen, wenn man subtilere Religionskritik ausgeübt und nicht Holzhammer-Methoden angewendet hätte: dass Religion historisch betrachtet oft auch ein Instrument der Macht und Kontrolle gewesen ist und sich nur zu gern mit der Politik verbrüdert hat. Das Lächerlichmachen von lächerlichen Vertretern abartiger Religionsgruppen ist ein Schuss nach hinten.