13.06.2009, Linz, Erinnerungstag der Heimatvertriebenen in Ober?sterreich, Foto: www.foto-reiter.com / Alfred Reiter
„Klage nicht über den Verlust, den du nicht kannst wiederbringen“, sagt der Tod zum „Ackermann aus Böhmen“. – Verlust und Trauer, genauso auch Dankbarkeit und Freude kamen am 13. Juni 2009 im Großen Saal des Landestheaters Linz häufig zur Sprache. Die „Landsmannschaften“ haben zum zweiten Erinnerungstag der Heimatvertriebenen in Oberösterreich eingeladen.
„Ich war 21 Jahre in meiner alten Heimat und lebe nun schon 63 Jahre in der neuen – in Oberösterreich. – Und ich bin glücklich und jeden Tag dankbar“, sagt Erika Herlt, die in ihrer Ascher Tracht das Programm im Landestheater genießt. In der Pause, vor dem Theaterstück und nach offiziellen Grußworten sowie Musik und einem Film mit Zeitzeugen-Interviews, haben die mehr als 700 Gäste angeregten Gesprächsstoff.
Wurzeln. Die Obleute der Landsmannschaften erinnern an Vertreibung aus der alten und Aufnahme in der neuen Heimat. „Volkskultur“, sagt der Landeshauptmann, „heißt Wurzeln haben. Wer Wurzeln hat, kann wachsen!“ Die Wurzeln werden aber an diesem Tag nicht groß zur Schau getragen. Nur wenige sind in Tracht gekommen. „Wir sind Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher!“ – So fühlen die Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, die Menschen, die ans Rednerpult treten, und die Teilnehmer im Saal. Man hat bei aller Nachdenklichkeit Grund zum Feiern. Viele bekräftigen: „Wir wollen nicht Vergeltung und Rache, aber Gerechtigkeit.“ Nicht ganz in diese Versöhnungs-Geste kann der Festreferent des Tages, Dr. Reinhard Heinisch, einstimmen. Er bekennt, da gewisse Schwierigkeiten zu haben. Dann gibt er einen Abriss sudetendeutscher Kulturleistungen und nennt dutzendfach Namen – von Franz Werfel über Kafka, Rilke, Karl Kraus, Gertrud Fussenegger, Berta von Suttner, Porsche ... Die Stille im Saal gibt Zeugnis davon, dass es vielen gut tut, an diese geistige Heimat erinnert zu werden.
Erinnern. Anneliese Kitzmüller, Obfrau der Buchenlanddeutschen (Bukowina, Ukraine/Rumänien), betont, ihre Landsleute werden die alte Heimat nicht vergessen, sind aber stolz auf die neue Heimat. Anton Ebner von den Donauschwaben (sie siedelten am Mittellauf der Donau) bittet den Landeshauptmann, mitzuhelfen, dass das Schicksal der Heimatvertriebenen Thema im Schulunterricht wird. Das Publikum dankt mit kräftigem Applaus.
Danken. „Ich fühle mich in Österreich sehr wohl“, sagt der 94-jährige Johann Laszlo. Er vertritt die Karpatendeutschen (sie kommen aus der Slowakei). Laszlo bedankt sich für die Aufnahme in Oberösterreich. Der evangelische Pastor Volker Petri spricht im Namen der Siebenbürgersachsen (Rumänien) und greift wie der Landeshauptmann das Benes-Dekrete-Thema auf. Petri sagt: „Ich verstehe nicht, dass Tschechien das Schicksal beschönigt und mit unmenschlichen Dekreten deckt.“ „Oberösterreich verlangt von den offiziellen Stellen in den betroffenen Staaten auf angemessene Weise das Eingeständnis von Schuld und Unrecht“, sagt der Landeshauptmann.
Die Obleute der Landsmannschaften in OÖ mit Landeshauptmann. V. l. n. r.: Anton Ebner (Donauschwaben), Anneliese Kitzmüller (Buchenlanddeutsche), Landeshauptmann Josef Pühringer, Johann Laszlo (Karpatendeutsche), Ing. Peter Ludwig (Sudetendeutsche, sie haben den Tag organisiert) und Volker Petri (Siebenbürgersachsen).
Nicht Rache und Vergeltung
„Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluss ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.“ – Auf diese Position einigten sich die Vertriebenen-Verbände in der am 5. August 1950 (!) verabschiedeten „Charta der Heimatvertriebenen“.
Unrecht
„Die Benes- und AVONJ-Dekrete gehören zu den letzten Resten jener Nachkriegsordnung, die vor 20 Jahren durch den Fall des Eisernen Vohangs beseitigt wurden. Ich rufe daher die Verantwortlichen in Tschechien und Südosteuropa auf, diese Unrechtsdekrete aus ihrem Rechtsbestand zu entfernen.“ Im großen Saal des Landestheaters kamen über 700 Heimatvertriebene und deren Familienangehörige sowie Freunde zum zweiten Erinnerungstag der Heimatvertriebenen, den die Sudetendeutsche Landsmannschaft ausrichtete.
Aus der Heimat vertrieben
Bald nach dem Zweiten Weltkrieg hielten sich in Österreich südlich der Donau 700.000 Menschen aus anderen Ländern auf. Mehr als 350.000 von ihnen waren „Volksdeutsche“, die aus ihrer Heimat (Tschechien, Ungarn, Slowakei, Jugoslawien, Rumänien) vertrieben worden sind, Deutschsprachige aus der Bukowina, aus dem Sudetenland, aus den Karpaten und aus Siebenbürgen sowie Donauschwaben. Alleine in Oberösterreich waren 40.000 Sudetendeutsche. Sie mussten von null auf beginnen. Die Statistik weist 1959 fast 64.000 eingebürgerte Volksdeutsche und über 9.300 noch nicht eingebürgerte Volksdeutsche aus. Sie siedelten sich in Enns, Kremsmünster, Steyr-Gleink, Linz-Neue Heimat, Traun, Pasching, Vorchdorf, Mattighofen, Braunau, Eferding, Leonding, ... an.
\"Eghalända\" - Alfred Baumgartner und Jutta-Sybille Aglas-Baumgartner sowie Erika Herlt (rechts, mit Ascher Tracht).