21. Juni, 7.15 Uhr. Das genau ist der Zeitpunkt, bis zu dem die Tage wachsen. Wachsen ist gut. Vieles baut auf Wachstum. Die Pflanzen. Die Kinder, dass sie groß werden. Die Wirtschaft, dass sie positive Zahlen schreibt. Dass Wachstum ja nicht zum Stillstand kommt, darauf zielt die Hoffnung. Menschen wollen wachsen, wollen etwas werden. In Lebensläufen, die sie ihren Bewerbungsschreiben beifügen, listen sie ihre Wachstumsschritte auf. Auf mich könnt ihr zählen, dokumentieren sie so. Bei mir – daher auch mit mir – geht es nach oben. Dann kommt der Tag, an dem es nicht mehr nach oben geht. Die Fähigkeiten sind nicht mehr gefragt. Die Maschine kann es besser. Die Gesundheit spielt nicht mehr mit. Das Alter. Es macht zu schaffen. Es kommen „die Jahre, von denen du sagen wirst: ich mag sie nicht.“ So heißt es im Buch Kohelet. In der Logik des Wachstums wären es verzichtbare Jahre. Nicht in der Perspektive des Glaubens. Wie der unbeholfene Säugling, der groß werden soll, steht auch der hilflos gewordene alte Mensch vor der Wirklichkeit: Der Sinn des Lebens liegt nicht im Wachsen aus eigener Kraft. Er liegt in der Tatsache, dass ich geliebt bin, auch wenn der Lebensbogen nach unten weist.