Linz – Krisendiözese oder der Versuch, Kirche zu gestalten
Ausgabe: 2009/26, Franz Weber, Linz, Krisendiözese, Laienapostolat, Kernland, Ostkirche, Gruppenleiter/innen, Kirche gestalten, Jugendevent, Lange Nacht der Kirchen, Tradition, Pastoraltheologie, Aussprache, Rom Papst, Bischöfe, Katechismus, Männer, Frauen, Kinde
24.06.2009
- Hans Baumgartner
Die Situation in der Diözese Linz war vergangene Woche Gesprächsthema in Rom und bei der Bischofskonferenz. In der „Krise“ rund um die Auseinandersetzungen zur Ernennung von Gerhard M. Wagner sei die „Spannung in der Diözese“ sichtbar geworden, meinte Kardinal Schönborn. Wir sprachen mit dem Pastoraltheologen P. Franz Weber.
Linz ist anders, heißt ein Werbeslogan. Gilt das auch für die Diözese? Zumindest hat man den Eindruck, wenn man – seit Jahren – besorgte Stimmen von Kirchenführern hört.
Weber: Zunächst möchte ich sagen, Linz ist nicht anders als andere Diözesen, was die pastoralen Herausforderungen angeht, denen man sich stellen muss. Und soweit ich das sehe, ist der Weg, den Linz dabei einschlägt, etwa mit der Schaffung von Seelsorgeräumen und neuen Leitungsmodellen für die Pfarren, kein Bruch mit der pastoralen und kirchlichen Tradition. Im Gegenteil, man bemüht sich sehr, die Pfarren als lebendige Kirchen vor Ort aufrecht zu erhalten und zu stärken.
Warum kommt die Diözese Linz dann immer wieder ins Gerede? Weber: Ich will hier niemandem Unrecht tun – aber ich denke, man kann sich immer wieder ein Bild schaffen oder ein Bild machen, das nicht der Wirklichkeit entspricht, aus persönlichen Gründen oder eben auch, weil eine kleine Gruppe von Priestern und Katholik/innen den wahren Glauben gefährdet sieht. Aber diese Gruppen gibt es auch anderswo. Nur scheint mir, dass bezüglich der Diözese Linz von Unzufriedenen eine „schwarze Legende“ geschaffen wurde, die immer weiter tradiert wurde und wird, österreichweit und darüber hinaus. Nach allem, was ich weiß, und ich kenne die Diözese Linz für einen Außenstehenden ziemlich gut, entspricht diese Legende nicht der Wirklichkeit.
Wie sieht denn Ihrer Meinung nach diese Wirklichkeit aus? Weber: Da kommen wir zu einem Punkt, wo ich sagen möchte, dass Linz doch anders ist: Ich meine, dass hier den pastoralen Herausforderungen wie z. B. dem wachsenden Priestermangel kreativer begegnet wird als anderswo und dass man das auch strukturell in neue Seelsorgemodelle zu gießen versucht. Ich sehe darin keinen „Wildwuchs“, wie manche beklagen, sondern diese Schritte wurden von der Diözesanleitung ausführlich erörtert und vor Ort begleitet. Man hat damit aber auch Raum für Neues geschaffen. Dass es dabei in einer Diözese mit einer so großen Bandbreite unterschiedlicher pastoraler Wirklichkeiten – von der VÖEST-Gemeinde bis zur kleinen Landgemeinde im Mühlviertel – auch Spannungen auszuhalten gilt, ist notwendig. Ich halte es für ein großes Verdienst von Bischof Aichern, dass er Räume dafür eröffnet und ermöglicht hat, mit den pastoralen Herausforderungen der Zeit kreativ umzugehen. Das ist aber auch ein Angriffspunkt mancher Kreise, die sich erwartet haben, dass der Bischof viel stärker kontrolliert und sanktioniert.
In den Auseinandersetzungen geht es immer wieder auch um Leitungsfragen und das kirchliche Amt. Ist Linz da zu weit gegangen? Weber: Ich habe für ein Buch, das demnächst herauskommt, die verschiedenen Leitungsmodelle und die Beteiligung von Laien an der Leitung von Pfarrgemeinden weltweit näher angeschaut. Und da muss man ganz nüchtern sagen: Was in Linz probiert wird, etwa dass eine Gruppe von Laien an der Pfarrleitung beteiligt wird, gibt es in Afrika seit 20 Jahren. In vielen Regionen der Weltkirche, wo man noch unter viel schwierigeren Voraussetzungen mit dem Priestermangel zurechtkommen muss, gibt es solche Modelle – und sie erfolgen mit bischöflicher Sendung und werden akzeptiert. Und genau das hat man auch in Linz versucht, für diese Modelle klare und transparente Regeln zu schaffen und sie auf eine solide kirchenrechtliche Basis zu stellen. Andere machen das „unter der Hand“ und werden dafür weniger kritisiert.
Der „Aufstand“ gegen die Weihbischofsernennung hat offenbar solche Wellen geschlagen, dass man die Bischöfe nach Rom geladen hat. Wie sehen Sie das? Weber: Ich glaube, man muss deutlich festhalten, dass jene, die Kritik an dieser Ernennung geübt haben, keine Revoluzzer sind, die der Kirche schaden wollen. Es sind Priester, Pastoralassistent/innen und viele engagierte Frauen und Männer, denen es ein Herzensanliegen ist, dass die Kirche vor Ort, in den Pfarren, lebendig bleibt. Das ist ihr Grundanliegen. Und das wird auch von der Diözesanleitung mitgetragen. Wenn man das nicht sieht, versteht man die ganze Entwicklung in der Diözese Linz nicht und man tut den vielen Engagierten, die sich Tag für Tag für eine lebendige Kirche einsetzen, unrecht.
Zeichen lebendiger Kirche
Ein Gradmesser für die Lebendigkeit einer Ortskirche ist – neben ihren Pfarren und geistlichen Zentren (oft Klöster) – das Laienapostolat. Es ist ein wichtiger Ort der Beheimatung des Glaubens in den verschiedenen Lebenswirklichkeiten der Menschen. Die Diözese Linz ist ein „Kernland“ für das Laienapostolat in Österreich.
Kinder. In 440 von 487 Pfarren der Diözese Linz gibt es Jungschargruppen. In den insgesamt 1400 Gruppen arbeiten 3000 ehrenamtliche Gruppenleiter/innen mit 19.300 Kindern und wenden dafür im Jahr rund 1,56 Millionen Arbeitsstunden auf. Ein Fünftel aller Mitglieder der Kath. Jungschar Österreichs kommt aus der Diözese Linz. Bei der Sternsingeraktion erzielt Oberösterreich seit Jahren das beste Ergebnis unter allen Diözesen.
Jugend. Zur Katholischen Jugend (KJ) Oberösterreich zählen rund 15.000 Jugendliche, die in Pfarrgruppen oder in einem der neun Jugendzentren organisiert sind. 103 Pfarren betreiben offene Jugendtreffs, die vorwiegend von ehrenamtlichen Teams geführt werden. 45 bezahlte Jugendleiter/innen unterstützen in den Dekanaten und in den Zentren die ehrenamtliche Arbeit. 110 Jugendchöre sind im Umfeld der KJ gewachsen. Mit Wien, Graz und St. Pölten zählt die KJ Oberösterreich zu den aktivsten Diözesen.
Arbeitnehmer/innen. Von den insgesamt rund 6000 Mitgliedern und Unterstützern der Katholischen Arbeitnehmer/innenbewegung Österreichs kommen 1138 aus Oberösterreich. Neun der insgesamt 15 Betriebsseelsorgezentren Österreichs sind in der Diözese Linz angesiedelt. Unterstützt wird die Arbeitnehmer/innenpastoral vom Referat für Betriebsseelsorge und vom Sozialreferat der Diözese.
Männer. Von den 37.000 eingeschriebenen Mitgliedern der Katholischen Männerbewegung Österreichs kommen 16.810 aus der Diözese Linz. Ein Großteil von ihnen trifft sich regelmäßig in Pfarrrunden. In vielen Pfarren organisiert die KMB jährlich einen für alle offenen „Männertag“.
Frauen. Von den geschätzten 200.000 Mitgliedern der Katholischen Frauenbewegung Österreichs kommen aus der Diözese Linz 53.100 eingetragene Mitglieder. 3500 ehrenamtliche Multiplikatorinnen sorgen für ein reges Leben in den Frauengruppen, für Veranstaltungen in den Pfarren und die Durchführung des Familienfasttages. Die kfb ist in 95 Prozent der Pfarren mit Gruppen vertreten.
Zur Sache
Aussprache in Rom
Am 15. und 16. Juni fand in Rom eine Aussprache zwischen Papst Benedikt und fünf Spitzenvertretern der römischen Kurie mit einer Delegation von vier österreichischen Bischöfen statt. Die Initiative zu der Begegnung ging laut Kardinal Schönborn von Papst Benedikt selber aus. Aus Österreich angereist waren Kardinal Christoph Schönborn, Vorsitzender der Bischofskonferenz, sein Stellvertreter, Bischof Egon Kapellari, Erzbischof Alois Kothgasser und Bischof Ludwig Schwarz aus Linz sowie der Apostolische Nuntius, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen.
Im offiziellen Abschlusskommunique der Aussprache heißt es: „Bei dieser Begegnung, die durch echte Kollegialität gekennzeichnet war, wurden in einem brüderlichen Dialog und in einem konstruktiven Geist einige Themen über die Situation der Diözese Linz und der Kirche in Österreich erörtert sowie Lösungen für die gegenwärtigen Probleme angesprochen.
Der Heilige Vater erinnerte an die Dringlichkeit der Vertiefung des Glaubens, der vollen Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil und dem nachkonziliaren Lehramt der Kirche sowie die Erneuerung der Katechese im Licht des „Katechismus der katholischen Kirche“. Darüber hinaus kamen lehrmäßige und pastorale Fragen sowie Fragen bezüglich der Situation des Klerus, der Priesterseminare und der Theologischen Fakultäten in Linz und in den anderen Diözesen zur Sprache.
Die österreichischen Bischöfe dankten dem Heiligen Vater für seine väterliche Sorge und für diese Begegnung, Zeichen für seine Verbundenheit mit der Kirche in Österreich, und bekundeten ihm ihre volle Gemeinschaft und Treue. Die Bischöfe dankten auch der römischen Kurie für die fruchtbare Zusammenarbeit und für die Hilfsbereitschaft.“