- Karin Remsing, Dipl. Ehe-, Familien- und Lebensberaterin.
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Aus der Praxis: Georg ist zum zweiten Mal verheiratet. Vor vier Wochen ist seine Frau Brigitte aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Sie sagt, sie brauche Abstand von ihm. Georg weiß in seinem Innersten, dass es viele Gründe gibt, warum ihn Brigitte verlassen hat. Einerseits beklagte sie sich immer, wie wenig er sich auf Paargespräche mit ihr eingelassen hat, und andererseits, wie sehr er sie „umklammert“ hielt. Brigitte sagt, sie bekomme manchmal durch so viel Zuwendung von ihm keine Luft mehr. Sie könne es auch nicht mehr ertragen, von ihm täglich mit bohrenden Fragen „gelöchert“ zu werden, wie: „Wo warst du heute Nachmittag? Mit wem hast du telefoniert? Mit wem hast du dich getroffen?“Georg sagt, dass er Brigitte seine Nähe zeigen möchte, wenn er sie untertags oft anruft und sie ausfragt. Er merkt auch, dass er in sich manchmal eine große Einsamkeit spürt. „Als Kind habe ich nie gesehen, dass sich meine Eltern umarmt haben oder zärtlich miteinander waren. Auch mich und meine Brüder haben sie nie geherzt und gehalten. Das geht mir heute noch sehr ab“.
Niemand von uns hat die umfassende Liebe von den Eltern bekommen, die er sich erträumt. Eltern sind eben auch nur Menschen, die ihre Grenzen haben und vielleicht selbst zu wenig Zuwendung von ihren Eltern bekommen haben. Obwohl wir das als erwachsene Menschen wissen, möchte unser Herz doch etwas anderes.
Georg fordert diesen kindlichen Wunsch nach elterlicher Zuwendung von seiner Frau ein und möchte ihre ganze Aufmerksamkeit. Damit überfordert er sie. „Ich bin unruhig, wenn sie nicht da ist, und bekomme erst wieder Boden unter den Füßen, wenn ich ihre Stimme höre“, sagt er.
Ein Bündel Zuwendung. Auf meine Frage, wo und wann er in seiner Kindheit für einen Moment Zuwendung und Geborgenheit erlebt hat, erinnert er sich an folgende kleine Begebenheit: Jeden Sonntag hat der Vater ihn und seine Brüder zum Frühschoppen mitgenommen. Das alleine war schon etwas Besonderes. Noch schöner wurde es, wenn er und seine Brüder ein Paar Würstel und Limonade bekommen haben. Er kann jetzt noch spüren, wie wohl ihm das getan hat – jeden Sonntag ein Bündel Zuwendung vom Vater. Bis jetzt ist ihm nicht aufgefallen, dass sein Vater auf diese Weise seine Liebe zu seinen Söhnen ausgedrückt hat.
Liebe sehen. Indem er sich diese kurzen glücklichen Momente ins Bewusstsein rief, spürte Georg eine innere Ruhe und Dankbarkeit, die er schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Er hatte bis jetzt eine ganz bestimmte Vorstellung, wie er die Liebe seiner Eltern gerne gespürt hätte. Nun merkt er, dass er die Liebessprache seines Vaters umdeuten und damit besser verstehen darf. „Noch heute werde ich das Grab meines Vaters besuchen und ihm für diese Zuwendung danken“, sagte er.
Partner statt Kind. Ich bin sicher, Georg findet noch viele solcher Liebeszeichen seiner Eltern, die ihn heute als erwachsenen Mann stärken und ihm Boden unter den Füßen geben. Dadurch kann er auf seinen eigenen Beinen stehen und seiner Frau als gleichwertiger Partner begegnen.