Antonello Grimaldi ist mit der Adaption von Sandro Veronesis Roman „Stilles Chaos“ ein Film gelungen, der konsequent die Schwierigkeiten des Trauerns in egozentrischen, beschleunigten Gesellschaften beleuchtet.
Nanni Moretti verkörpert auf überzeugende Weise den erfolgreichen TV-Manager Pietro Paladini, dessen Leben durch einen tragischen Vorfall aus den geordneten Bahnen gerät. Gleich am Beginn des Films retten er und sein Bruder Carlo zwei Frauen, die im Meer zu ertrinken drohen. Als sie vom Strand ins Ferienhaus zurückkehren, kommt ihnen Claudia, die Tochter Pietros, tränenüberströmt entgegen. Ihre Mutter Laura hat soeben einen Herzinfarkt gehabt.Vielleicht sind es Schuldgefühle, die Pietro von diesem Moment an zu einem grundsätzlichen Lebenswandel führen. Zu wirklicher Trauer unfähig scheint er emotional zu implodieren. Er distanziert sich von seinem Arbeitsfeld, um sich gänzlich seiner Tochter widmen zu können. Er begleitet Claudia zur Schule und verspricht ihr, bis zum Unterrichtsende im anliegenden Park auf sie zu warten. In der Folge wird Pietro seine Vormittage immer gleich und doch anders auf einer Parkbank oder im geparkten Auto verbringen. Die Parkbank wird zu seinem Beobachtungsposten, zu einem freiwilligen Exil, wo er kontemplativ die ihn umgebende Welt zum ersten Mal wirklich wahrnimmt. Pietro entdeckt eine Welt, die aus scheinbar belanglosen Dingen und Momenten besteht, und er nimmt zum ersten Mal andere Menschen wahr: den Jungen mit Downsyndrom, den er mit der Fernbedienung seines Autos zum Lachen bringt, weil das Geräusch, mit dem die Türen geschlossen werden, wie ein witziges Begrüßungsritual wirkt; das Mädchen, das jeden Tag mit einem Hund den Park durchquert; den Barbesitzer, bei dem er täglich zu Mittag isst. Gleichzeitig kommt es zu einem ständigen Austausch mit Arbeitskollegen, die ihm von einer bevorstehenden Fusion des Senders berichten, mit seiner neurotischen Schwägerin, mit seinem Bruder, mit dem ihn eine Hassliebe verbindet, und schließlich mit jener Frau, die er am Beginn des Films gerettet hat. Er wird immer mehr zu einer Art Seelenguru für die Anliegen der anderen. Das hilft ihm zwar bei seiner Trauerarbeit, löst aber die eigenen Probleme im Umgang mit dem Verlust einer Person, die er, wie er immer mehr erkennen muss, nicht wirklich gekannt hat, nicht. In zwei Sequenzen allerdings, deren Handlung hier aber nicht verraten werden soll, bricht der ganze unterdrückte Schmerz hervor. „Ich wollte die Konfusion zeigen, die sich aus den Schwierigkeiten ergibt, sich auf einen Trauerprozess einzulassen, gerade wenn entsprechende Riten – beispielsweise religiöser Art – fehlen.“ So umschreibt Grimaldi sehr treffend das Dilemma, in dem sich der Protagonist seines Films befindet.