Enzyklika
Vorstellung der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. am 25. Januar 2006. Sie tr?gt den Titel "Deus caritas est" ("Gott ist die Liebe"). Papst Benedikt XVI. in unterschreibt in seinem Amtszimmer die Enzyklika. Neben ihm Erzbischof Leonar
Am Dienstag dieser Woche veröffentlichte der Vatikan die von Papst Benedikt am Fest Peter und Paul unterzeichnete Sozialenzyklika „Caritas in Vertate“ (Liebe in der Wahrheit). Darin betont der Papst, dass die Soziallehre der Kirche ein wesentliches Zeugnis ihrer Verkündigung ist. Wir baten den Innsbrucker Sozialethiker Wilhelm Guggenberger um einen ersten Eindruck.
Zum vierzigsten Jahrestag der Enzyklika “Populorum progressio” von Paul VI. (1967) war ein neues päpstliches Sozialrundschreiben angekündigt worden. Die Fertigstellung des Dokuments hat sich verzögert, nicht zuletzt auch aufgrund der gegenwärtigen Krise des Weltfinanz- und Weltwirtschaftssystems. Benedikt XVI. wollte diese aktuelle Situation offenbar in seine Überlegungen mit einbeziehen. Nun liegt der Text des Schreibens vor und wird der Weltkirche präsentiert.
Ins Herz gelegte Wahrheit. An „Populorum Progression“ und auch an Johannes Pauls II. „Sollicitudo rei socialis“ schließt sich Benedikt nun auch an, wenn er wie seine Vorgänger die Notwendigkeit einer umfassenden Entwicklung betont, die über wirtschaftlichen und technischen Fortschritt hinausgeht. Auf den ersten Blick wird das Verfehlte einer rein materiellen Entwicklung in der neuen Enzyklika aber mit einem deutlich naturrechtlichen Akzent aufgezeigt. Das heißt, dass Benedikt wesentlich weniger aus den biblischen Quellen schöpft, als es Johannes Paul II. tat. Es ist zu vermuten, dass dies zu unterschiedlichen Reaktionen führen wird. Die einen werden erleichtert feststellen, dass die kirchliche Soziallehre endlich zu einer philosophisch-vernunftzentrierten, wohl auch stärker sozialwissenschaftlichen Sprache zurückgefunden habe. Die anderen werden beklagen, sie habe damit an Profil und christlicher Eigenart verloren. In der Tat stellt sich die Frage, ob der Papst in einer pluralen Gesellschaft mit ihrem auch von ihm beklagten Relativismus den von ihm gestellten universalen Wahrheitsanspruch wird einholen können, indem er auf das verweist, was dem Menschen vom Schöpfer ins Herz und in den Verstand gelegt wurde. Der Weg über das beherzte Zeugnis einer Glaubensgemeinschaft dürfte angesichts eines brüchig gewordenen Vernunftbegriffs letztlich zielführender sein.
Globalisierung. Eindeutig hält „Caritas in Veritate“ fest, dass Gottesliebe und Menschenliebe nicht voneinander zu lösen sind. „Die Nächstenliebe offenbart auch in den menschlichen Beziehungen immer die Liebe Gottes; diese verleiht jedem Einsatz für Gerechtigkeit in der Welt einen theologalen und heilbringenden Wert.“ (CV 6) Der Einsatz für Gerechtigkeit hat sich nun heute in einer Welt zu bewähren, die durch eine enorme Globalisierungsdynamik gekennzeichnet ist. Ein Element dieser Dynamik, die zweifellos auch positive Entwicklungselemente enthält, ist der Verlust der Gestaltungskraft des Staates, stellt Papst Benedikt fest. „In unserer Zeit sieht sich der Staat mit der Situation konfrontiert, sich mit den Beschränkungen auseinanderzusetzen zu müssen, die der neue internationale ökonomisch-kommerzielle und finanzielle Kontext seiner Souveränität in den Weg legt – ein Kontext, der sich auch durch eine zunehmende Mobilität des Finanzkapitals und der materiellen wie nicht materiellen Produktionsmittel auszeichnet.“ (CV 23)
Es kommt auf den Menschen an. Ein anderes Thema, dem ein eigenes Kapitel der Enzyklika gewidmet ist, stellt die wachsende Macht der Technik, die als objektiver Aspekt der menschlichen Arbeit bezeichnet wird, dar. „Die technologische Entwicklung kann zur Idee verleiten, dass sich die Technik selbst genügt, wenn der Mensch sich nur die Frage nach dem Wie stellt und die vielen Warum unbeachtet lässt, von denen er zum Handeln angespornt wird. Das ist der Grund dafür, dass die Technik ein zwiespältiges Gesicht annimmt.“ (CV 70) In diesem Zusammenhang warnt der Papst auch vor dem, was man den Reiz einer Sozialtechnologie nennen könnte. Gerechtigkeit und Friede sind nicht einfach Produkte gut beherrschter finanztechnischer oder diplomatischer Instrumente, sondern leben von Menschen, „die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben“ (CV 71).
Die Umwelt. Ebenso wird in der neuen Enzyklika die Umweltthematik als wesentliches Bewährungsfeld menschlicher Verantwortung in einer globalisierten Welt thematisiert. Die Ressourcen dieser Welt haben dem Wohl der Menschen – und zwar aller Menschen – zu dienen, stellt der Papst fest. Er warnt eindringlich vor einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur, vor allem durch die reichen Länder, aber auch vor einer Hochstilisierung der Natur als „uantastbares Tabu“.
Würde des Menschen. Sehr deutlich mahnt die neue Enzyklika an mehreren Stellen die Würde des Menschen und die unantastbarkeit des menschlichen Lebens ein. Entschieden tritt der Papst staatlichen Zwangsmaßnahmen zur Geburtenkontrolle aber auch freizügigen Abtreibungsregelungen entgegen. „Die moralisch verantwortliche Offenheit für das Leben ist (auch) ein sozialer und wirtschaftlicher Reichtum“, betont der Papst (CV44) Den wachsenen Druck, Euthansiereglungen einzuführen, sieht er als massive Verletzung gegenüber der Forderung einer gesamtmenschlichen Entwicklung.
Option für die Armen. Was etwas befremdet, ist dass Benedikt XVI. in einer Enzyklika zum Thema Entwicklung und Solidarität der Völker sich nicht explizit zur Option für die Armen bekennt. Diese hat sich in den zurückliegenden Jahren zu einem Fokus des kirchlichen Gesellschaftsengagements entwickelt. Möglicherweise hat dieser Papst wesentlich mehr Berührungsängste mit jeglicher Terminologie, die der Befreiungstheologie entlehnten ist, als sein Vorgänger. Diese Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass sich auch der Begriff der „Strukturen der Sünde“ (Johannes Paul II.) in diesem Text nicht findet, obwohl sich dies gerade angesichts der aktuellen Probleme, die durch fehlende bzw. falsche Regelungen der internationalen Finanzmärkte ausgelöst wurden, nahe legen würde. Eine umfassende Würdigung dieses umfangreichen Textes setzt freilich eine eingehendere Auseinandersetzung voraus, die nun sicher weltkirchlich erfolgen wird.
ZUR SACHE
Liebe in Wahrheit
In der Einleitung zu seiner Enzyklika „Caritas in Veritate“ (Liebe in Wahrheit) legt Papst Benedikt die theologisch-philosophischen Grundlagen seiner Überlegungen dar. Er deutet die Soziallehre der Kirche als eine auf die Realität der Menschheit bezogene Verkündigung der „Wahrheit in Liebe“.
„Die Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche. Denn aus der Liebe Gottes geht alles hervor, durch sie nimmt alles Gestalt an und alles strebt ihr zu.“ (CV 2). Ohne die „Wahhreit gleitet die Liebe (allerdings) in Sebtimentalität ab. Sie wird ein leeres Gehäuse, das man nach Belieben füllen kann. Das ist die verhängnisvolle Gefahr für die Liebe in einer Kultur ohne Wahrheit.“
Als Quelle der Wahrheit bezeichnet der Papst die Vernunft des Wissens und die Vernunft des Glaubens, die einander ergänzen, obgleich sie unterschiedlich sind. Daraus folgert der Papst: „Wenn wir im augenblicklichen sozialen und kulturellen Umfeld, in dem die Tendenz zur Relativierung der Wahrheit verbreitet ist, die Liebe in Wahrheit leben, kommen wir zu der Einsicht, dass die Zustimmung zu den Werten des Christentums ein nicht nur nützliches, sondern unverzichtbares Element für den Aufbau einer guten Gesellschaft und einer echten ganzheitlichen Entwicklung des Menschen ist. Ein Christentum der Liebe ohne Wahrheit kann leicht mit einem Vorrat an guten, für das gesellschaftliche Zusammenlkeben nützlichen, aber nebensächlichen Gefühlen verwechselt werden. Auf diese Weise gäbe es keinen eigentlichen Platz mehr für Gott in der Welt. Ohne die Wahrheit wird die Liebe in einen privaten Beziehungs-Bereich verbannt – ohne Bedeutung für die Entwicklung der Welt.“
Zitat
Die Wirtschaft und das Finanzwesen können, insofern sie Mittel sind, tatsächlich schlecht gebraucht werden, wenn der Verantwortliche sich nur von egoistischen Interessen leiten lässt. So können an sich gute Mittel in schadenbringende Mittel verwandelt werden. Doch diese Konsequenzen bringt die verblendete Vernunft der Menschen hervor, nicht die Mittel selbst. Daher muss sich der Appell nicht an das Mittel, sondern an den Menschen richten, an sein moralisches Gewissen und an seine persönliche und soziale Verantwortung. (CV 36)
Heute sind die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um den Völkern aus der Armut herauszuhelfen, potentiell größer als früher, aber sie wurden hauptsächlich von den entwickelten Völkern selbst in Beschlag genommen … Es ist nötig, dafür zu sorgen, dass die Umverteilung des Reichtums nicht mittels einer Umverteilung der Armut erfogt.“ (etwa durch die Verlagerung von Arbeit in Billiglohnländer. (CV 42)
Univ. Prof. Wilhelm Guggenberger lehrt an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck Sozialethik.