Was veranlasst 400 Leute, drei Ferientage in einem sommerheißen, wenngleich sehr schönen Saal zu verbringen? Die ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster ist wie eine Sommerwanderung durch Geisteslandschaften. Heuer führte sie in die Grenzregionen von Religion und Naturwissenschaften. Wie kann man die Welt verstehen? „Den Himmel offen halten.“ So lautete das Thema der Akademie – und zugleich die Antwort.
Weltschau führt zur Gottesschau. Und umgekehrt. Mit diesem Verweis auf den hl. Benedikt nimmt Abt Ambros Ebhart vom Benediktinerstift Kremsmünster schon in der Begrüßung eine Antwort vorweg, auf die die Wissenschafter/innen am Ende der ökumenischen Sommerakademie zu sprechen kommen werden. Zwischen 15. und 17. Juli erlebten rund 400 Gäste das öffentliche Ringen von Naturwissenschaften und Theologie um die Frage: Braucht es zur Erklärung der Welt eigentlich Gott?
Als Erster mutete der katholische Theologe Peter Hünerman, der geistigen Wandergruppe gleich einen Steilhang zu. Während Glauben und Denken im Mittelalter untrennbar gewesen wären, hätte es etwa im Ersten Vatikanischen Konzil eine Verengung gegeben. Vernunft zählte nicht mehr viel. Kirchliche Autorität gründete vorrangig auf Offenbarung. Anders ein Jahrhundert später. Da hat das Zweite Vatikanische Konzil die Offenbarung ganz wesentlich mit dem Weg des Volkes Gottes verknüpft. Der Himmel stand wieder offen.
Leben mit dem Atheismus. Der Biowissenschafter Franz Wuketits eröffnete die geistige Sommerwanderung von der anderen Seite des Berges. Um die Welt zu erklären braucht es keinen Gott. In einem „Zickzackkurs“ entwickelt sich die Welt von sich aus weiter. Der Mensch ist darin nur ein bloßes Zufallsprodukt de Evolution – eine vorübergehende Erwscheinung ohne besondere Bedeutung – und was man noch nicht weiß, eines Tages wird man es wissen.
Zu diesem Schluss ist auch Franz Josef Wetz gekommen. Der Professor der Philosophie war ursprünglich Theologe, kam aus dem Innenbereich der Kirche. Aber aufgrund seiner wissenschaftlichen Beschäftigung ist er zum Schluss gekommen: Es ist plausibler, dass es Gott nicht gibt, als dass es ihn gibt. Doch Wetz ist einer, in dem die Frage nach Gott noch umgeht, anders – sagt er – als bei vielen seiner jüngeren Kollegen. Beweisbar wäre seine Position ebenso wenig wie die der Gottgläubigen.
Der Schritt zur Wahrheit. Der Wiener Physiker Herbert Pietschmann sieht das anders. Wissenschaftlich, sagt er, könne man zu gesichertem Wissen gelangen. Das sei aber etwas ganz anderes als Wahrheit. Aus dem gesicherten Wissen heraus müsse Position bezogen werden. Wahrheit ist erst, wenn der Mensch zu seinem Wissen seine persönliche Antwort gibt – sie zu seiner Lebensgrundlage macht.
Der Naturwissenschafter Pietschmann schließt mit einem Bekenntnis: Dass Gott in der Liebe zum Du anwesend ist – „auch wenn wir wissen, dass wir ihn nicht erfassen können“. Und: Es gibt auch die Möglichkeit, daran vorbeizuleben. Noch etwas fügt er dazu: Erst in der Verantwortung wird Wahrheit. „Freiheit ist die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen“. Bloß naturwissenschaftlich betrachtet gibt es Veranwortung nicht, würde Wuketits sagen, aber der war zu diesem Zeitpunkt schon abgereist. Wetz hingegen klässt mit sich diskutieren, bezeichnet sich als einen „traurigen Naturalisten“, weil ihm die Antworten des Glaubens nicht mehr möglich sind.Da spüren die Teilnehmer an der geistigen Sommerwanderung, dass man an einer entscheidenden Stelle angekommen ist: An einem Grat sozusagen, auf dem man einen Schritt in den Nebel der Ungewissheit wagen muss – oder eben bleibt, wo man steht.
Der Sprung in den Glauben. Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari kommt darauf zu sprechen. Er ist einer derer, denen man im Berührungsfeld Kirche, Kunst und Naturwissenschaften Aufmerksamkeit entgegenbringt. Er bringt das Wort vom „Sprung“ in das Spiel, von dem Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert sprach. Der Sprung vom Wissen in den Glauben – aus guten Gründen. Es ist die Antwort des Menschen darauf, auf welche der von seiner Vernunft eröffneten Möglichkeiten er sein Leben nun wirklich bauen will – und worauf er vertraut. „Der offene Himmel ist nicht im Blau über den Wolken zu suchen, sondern in den Herzen der Menschen – dort treffen sich Religion und Naturwissenschaften.“ So sagt es der Münchner Theologe Bertram Stubenrauch.Und Sabine Bieberstein, Biblikerin in Eichstätt, bringt das in Zusammenhang mit dem Auferstehungsglauben zur Sprache. „Der Glaube an die Auferweckung erweist sich nicht in einem leeren Grab, sondern im Leben, in Erfahrung von Sinn und Orientierung und in der Überwindung von Todeserfahrungen“.Der orthodoxe Professor Alexandros Papaderos aus Kreta weiß um den „Sprung“. Er erzählt vom großen „Vielleicht“ des Lebens, das Gabelungen öffnet – für Wege, die in Glauben, Hoffnung und Liebe zu gehen sind – dem, der den Sprung wagt. Theologie und Naturwissenschaften, sie können sich nicht wesentlich widersprechen, ist Oberösterreichs evangelischer Superintendent Gerold Lehner überzeugt. Es sind verschiedene Zugänge zur einen Wirklichkeit. Also: Man war bei der geistigen Sommerwanderung doch auf demselben Berg unterwegs.
„Die Natur ist nicht göttlich. Aber die Natur zeigt Gott.“
„Das Modell Einheit gehört der Vergangenheit an. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Vielfalt.“
Der christliche Glaube ist ein fragender, der die Vernunftherausforderung braucht. Katholisch sein heißt, synthetisch sein.“