Schockiert über die katastrophalen Zustände im Mutter-Kind-Spital in Basra, gründete die Wiener Ärztin Eva-Maria Hobiger 2001 das Hilfsprojekt „Aladins Wunderlampe“, um kranken Kindern im krisengebeutelten Irak Hoffnung auf Leben zu geben. Tausende junge Krebspatientinnen und -patienten wurden durch ihre Hilfe schon geheilt. Nach mehr als dreieinhalb Jahren war die Fachärztin für Strahlentherapie jüngst wieder im Irak und hat ihre Eindrücke in einem Bericht festgehalten. Hier ein kleiner Auszug:
Wieder in Basra. Vor dem Eingang der Kinderkrebsstation des Mutter-Kind-Spitals in Basra sitzen Dutzende Väter und andere Angehörige auf dem Boden. Sie haben Besuchsverbot, nur die Mütter dürfen bei ihren Kindern auf der Station sein. Am Gang wimmelt es von Menschen: Polizisten, Soldaten, Ärzte, Krankenschwestern, Journalisten und andere ausländische Besucher. Zwischen den Massen drängt sich eine kleine, weißbemäntelte Person durch – und wir fallen uns um den Hals: Dr. Jenan, die Leiterin dieser Kinderkrebsstation, meine wichtigste Projektpartnerin seit acht Jahren und gute Freundin durch all die Jahre. Jedes Mal, wenn wir voneinander Abschied genommen haben, stand immer die Frage im Raum: werden wir uns wiedersehen? Vor einem Jahr wurden viele berufstätige Frauen in Basra ermordet, Ärztinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen. Sie waren alle erfolgreich in ihrem Beruf – was sie zu einem Angriffsziel von militanten Gruppen machte. Und Dr. Jenan ist berühmt dafür, dass sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es Anlass zu berechtigter Kritik gibt. Aber nun stehen wir uns gegenüber und können beide nicht glauben, dass ich zurück in Basra bin!
Geheilt. Jenan führt mich sofort in das von uns renovierte Spielzimmer, um mir dort ihre Überraschung für mich zu zeigen: etwa 20 Kinder, die sie heute hierher eingeladen hatte, Kinder, die früher an Krebs erkrankt waren, jetzt aber geheilt sind. Es ist eine unglaubliche Freude, diese gesunden Kinder an diesem Ort zu sehen, wo ich zuvor soviel Leid erlebt hatte. „Diese Kinder leben, weil ihr ihnen geholfen habt in all den Jahren. Die Frucht eurer Arbeit“, sagt Jenan. Es ist schwierig, gegen die Tränen anzukämpfen, und ich sehe, dass es Jenan genauso geht.
Sabrin. Der Lehrer der Kinder, der sehr aktiv und engagiert ist, stellt mir ein Mädchen vor, das ein Auge mit einem Verband verklebt hat: Sabrin. Von ihr habe ich unzählige Zeichnungen, auf denen sie immer wieder einen Satz schrieb: „Danke Dr. Eva, danke Dr. Jenan“ – ihr Dank dafür, dass ihr neben den Medikamenten auch eine Umgebung geschenkt wurde, in der sie sich angenommen und sicher gefühlt hatte, nachdem sie von ihrem Stiefvater verstoßen wurde. Ich weiß, dass es ihr sehnlichster Wunsch ist, ein künstliches Auge zu erhalten; ihr rechtes Auge musste schon vor Jahren wegen eines Tumors entfernt werden. Ich sage ihr, dass ich sie nach Abschluss ihres Wachstums nach Österreich holen werde, damit sie ein künstliches Auge bekommen kann. Sie bedankt sich überschwänglich. Am Tag danach höre ich, wie glücklich ich sie mit dieser Aussicht gemacht habe. Leider ist ihre Überlebenschance gering. Zu oft wurde ihre Chemotherapie unterbrochen, weil die Familie kein Geld hatte, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen.
Medikamentenversorgung hinkt. Es gibt so viele Infektionserkrankungen in Basra: gerade jetzt herrscht eine Masernepidemie, als es noch kühler war, grassierte Keuchhusten. Ich sehe etliche Kinder mit Feuchtblattern. Kala Azar, die typische Armutserkrankung, befällt unzählige Kleinkinder. Im November des letzten Jahres hatte ich 300 Packungen des Medikamentes Pentostam geschickt, mit denen ungefähr 1000 Kinder, die an Kala Azar erkrankt sind, geheilt werden können. Ohne diese Behandlung wären sie verloren. Ein Arzt erzählte mir, dass seinem Spital während des gesamten letzten Jahres seitens des irakischen Gesundheitsministeriums nur fünf Packungen dieses Medikamentes zur Verfügung gestellt wurden – in einem Gebiet, in dem jedes Jahr Tausende Menschen, vor allem Kinder, daran erkranken. Ich kenne den Grund nicht, warum die Medikamentenversorgung im Irak noch immer nicht funktioniert: Gibt es tatsächlich kein Geld? Verschwindet das Geld durch die allgegenwärtige Korruption? Ist es schlechtes Management? Ist es die Inkompetenz der Verantwortlichen? Ich weiß es nicht, aber was immer der Grund sein mag: Tatsache ist, dass die Ärmsten die Leidtragenden sind – und ihnen gilt unsere Hilfe.
„Es ist eine unglaubliche Freude, diese gesunden Kinder an diesem Ort zu sehen, wo ich zuvor so viel Leid erlebt hatte“, sagt Eva-Maria Hobiger.
Irak – vergessenes Land der Gewalt
Im Mutter-Kind-Spital in Basra fehlt es vor allem an Arzneimitteln. Für September plant Eva-Maria Hobiger eine weitere Medikamentenlieferung für das Spital im Irak. „Medizinische Hilfe ist dort dringend nötig“, so die Ärztin nach ihrer Rückkehr aus Basra.
interview: Susanne Huber
In Ihrem Bericht heißt es, der Irak sei ein zerstörtes Land, es gebe kein Licht am Ende des Tunnels. Sehen Sie dennoch Hoffnungen für einen Wiederaufbau des Landes?
Hobiger: Noch nie wurde mir das Ausmaß der Zerstörung dieses Landes so bewusst wie während meiner letzten Reise. Nicht nur das Land ist zerstört, die Menschen sind psychisch zerstört. Jahrzehnte von Krieg, Sanktionen, Diktatur, Besatzung und Gewalt haben sie zerstört und es gibt keine Hilfen, um diese Traumatisierung zu bewältigen. Der Großteil der Gebildeten hat das Land verlassen, die wenigen Akademiker, die geblieben sind, kämpfen täglich gegen die eigene Frustration und Depression. Irak hat einen sehr langen und schwierigen Weg vor sich. Aber es gibt auch Beispiele von Eigeninitiative und Engagement und ich hoffe, dass diese Menschen andere motivieren können, gegen das tägliche Scheitern an den Arbeitsbedingungen anzukämpfen.
Denken Sie, dass der Irak ein vergessenes Land der Gewalt ist?
Hobiger: Der Irak erleidet das gleiche Schicksal wie alle anderen Länder, in denen Krieg herrschte. Der Krieg füllt die Schlagzeilen, aber erst nach dem Krieg beginnt das wahre Elend der Bevölkerung. Doch dann steht das Land nicht mehr im Blickpunkt des Interesses der Weltöffentlichkeit, denn mit Armut, Krankheit und mangelnder Bildung schreibt man keine Schlagzeilen. Die traurige Tatsache aber ist, dass die Spenden mehr oder minder an die Medienpräsenz gekoppelt sind. Im Irak kam noch die schlechte Sicherheitslage während der letzten Jahre hinzu, fast alle internationalen Organisationen haben sich zurückgezogen. Die Menschen dort blieben allein und vergessen.
Am 30. Juni wurden nach sechs Jahren die US-Truppen aus den irakischen Städten abgezogen. Bis Ende 2011 ist der vollständige Rückzug geplant. Was halten Sie davon?
Hobiger: Ich denke, jedem Land dieser Erde sollte das Recht zugestanden werden, frei und souverän zu sein. Viele Iraker haben mir im Laufe der letzten Jahre immer wieder versichert: „Wir können erst dann an unserem Frieden arbeiten, wenn die Besatzer fort sind. Erst dann können wir uns wieder als Iraker fühlen.“ Ich denke, da ist schon was dran.
Was sind Ihre nächsten Pläne für Basra?
Hobiger: Die Medikamente für die krebskranken Kinder sind ja nur ein Teilprojekt von „Aladins Wunderlampe“. Viel mehr Kinder profitieren von unseren Medikamenten gegen die Tropen- und Infektionserkrankungen. Mein nächster Medikamententransport sollte im September 2009 erfolgen, dazu fehlt mir noch sehr viel Geld. Und dann ist da das Projekt für Kinder mit angeborenen Herzfehlern: diesen muss man eine Operation in Europa ermöglichen, damit sie überleben können. Dazu bringe ich die Kinder nach Österreich, arbeite aber auch mit Organisationen in Frankreich und der Schweiz zusammen. Ein besonders trauriges Kapitel im Irak ist die Bildung. Nach fast 30 Jahren Krieg oder Sanktionen schnellt die Analphabetenrate in die Höhe, da viele Eltern ihre Kinder aus der Schule nehmen und sie arbeiten schicken, weil die Familie sonst nicht überleben kann. Ich würde gerne ein Patenschaftsprojekt beginnen. Es gäbe viele Ideen, um zu helfen, aber die Finanzkrise hat einen drastischen Rückgang der Spenden bewirkt – davon können alle Hilfsorganisationen berichten, damit trifft diese Krise in Wahrheit die Ärmsten der Armen dieser Welt.
Informationen zum Projekt „Aladins Wunderlampe“ gibt es unter: www.saar.at/aladin
Spendenkonto: Erste Bank: 28520096800, BLZ: 20111, „Aladins Wunderlampe“
ZUR SACHE
Segenswünsche
Mit dem Lied „Hoffnungsschimmer“ drückten 20 irakische Kinder, die von Krebs geheilt wurden, Eva-Maria Hobiger während ihres Besuchs im Mutter-Kind-Spital in Basra ihren Dank für ihre Hilfe aus. Ein Dank von 20 Kindern, stellvertretend für die Tausenden, denen geholfen wurde. „Ein Arzt erzählte mir“, so Hobiger, „dass Österreich, Deutschland und die Schweiz sehr berühmt sind in den irakischen Dörfern. Wenn ein Kind nach der Behandlung in Europa nach Hause zurückkehrt, dann feiert der ganze Ort ein Fest. Und alle hören und sehen, dass die Leute im Westen ihre kranken Kinder empfangen und sie gesund zurückgeschickt haben. Bei diesen Festen werden viele Friedens- und Segenswünsche an die unbekannten Helfer in Europa geschickt.“