BRIEF_KASTEN
In Zeitungen führt er längst ein Minderheitendasein; in Romanen kommt er kaum noch vor. Es ist der Strichpunkt. Schwächer als ein Punkt, ist er doch stärker als ein Beistrich, obwohl er aus beidem besteht: ein Beistrich mit einem Punkt obendrauf. Ein halbstarkes unter den Schrift- und Satzzeichen also. Mit dem Strichpunkt kann man – laut Duden – gleichrangige Teilsätze oder Wortgruppen voneinander trennen. Man kann es, muss es aber nicht tun. Punkt und Basta! So sagt der Strichpunkt nie. Er ist nicht so strikt und auch nicht so entschieden. Vielleicht ist gerade das das Problem, sodass er zur bedrohten Art unter den Zeichen geworden ist.
Menschen unserer Tage wollen Klarheit. Entweder oder! Punkt oder Beistrich, aber nicht irgendwas dazwischen. Man verlangt nach Entschiedenheit, kein so oder so. Grenzen will man klar gezogen sehen. Der Strichpunkt hält zwar die Sachen auseinander, zwischen denen er steht, er trennt sie aber nie ganz; er unterstreicht sogar ihre Zusammengehörigkeit; er verbindet die Sachen; er lässt sie nebeneinander stehen – als gleichberechtigt. Damit tut man sich schwer in unserer Zeit.
Dem Strichpunkt müsste man mehr Gewicht verleihen – und das Zusammenleben würde ein Stück besser gelingen. Dass man also Dinge nebeneinander stehen ließe, statt einander verdrängen zu wollen; dass sich nicht die eine Seite als Hauptsatz aufspielt und alles andere in die Nebensätzlichkeit drängt; dass man im Ton milder würde.
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