In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Wenn ein Film „Glaube“ heißt, wird man misstrauisch. Was kommt jetzt schon wieder ins Kino? Ein emotionsgeladener und missionarischer Verkündigungsfilm? Bei dem man gar nicht anders kann, als nachher geläutert und gläubig den Kinosaal zu verlassen? Eine Art cineastische Gottesbegegnung? Oder eine Erzählung von Machtmissbrauch und verschrobener Hingabe, von zu gläubigen Menschen und anderen, die das ausnützen? Alles ist möglich unter diesem Titel. Der spanische Originaltitel „Los domingos“ (Sonntags) hilft auch nicht weiter. Ministrantenelend in der Sakristei? Familientreffen mit Konflikt- oder Bekehrungspotenzial?
Die Sache mit dem Familientreffen kommt dem Film schon näher. Um Gott geht es im Film „Glaube“ nur indirekt. Dennoch ist es keine Themenverfehlung. Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa nähert sich unspektakulär dem Leben einer wohlsituierten Großfamilie an, die sich verschiedenen Herausforderungen stellen muss. Ausgangspunkt im Film ist eine eher ungewöhnliche Herausforderung: Die älteste Enkelin von María Dolores ist im Maturajahr an einer katholischen Schule. Die Siebzehnjährige denkt darüber nach, in das Kloster einzutreten, zu dem die Schule gehört. An dieser Stelle gibt es eine der wenigen Unschärfen des Films: Es wird erwähnt, dass es sich um einen Klausurorden handle, also um eine Gemeinschaft, in der die Ordensfrauen die Klausur so gut wie nie verlassen. Wie es dann kommt, dass sie eine Schule führen, erschließt sich nicht.
Abgesehen davon sucht man vergebens nach Unstimmigkeiten und oberflächlich recherchierten Details. Keine überspitzten Highschool-Dramen, keine Drogenexzesse – abgesehen vom Trinkspiel „Wahrheit oder Pflicht“ beim Schulchorausflug auf eine Hütte –, keine Gewaltszenen. Dass 800.000 Menschen in Spanien diesen unaufgeregt beobachtenden Film im Kino gesehen haben, ist erstaunlich. Eine kleine Gegenbewegung zu immer schnelleren, immer lauteren, extravaganten oder problembeladenen Filmen.
Ainara hat ihre Mutter früh verloren. Sie lebt mit ihrem Vater, der ein Restaurant besitzt, dessen Freundin und ihren zwei kleinen Schwestern zusammen. Regelmäßig (wohl sonntags, worauf der Originaltitel hinweist) besucht die Familie die Großmutter, María Dolores. Dort trifft sie auch Tante Maite, die Schwester des Vaters, deren Freund und deren kleinen Sohn.
Am Familientisch wird vieles verhandelt, was sich im Leben Ainaras abspielt. Doch fragt man sich manchmal: Um wen geht es in diesem Film eigentlich? Ist Ainara die Hauptperson? Oder geht es mehr um die engagierte Tante Maite, die versucht, Ainara vom Eintritt in das Kloster abzubringen?
Tante Maite agiert sicher im besten Glauben. Sie hält ihre Nichte aufgrund ihrer Nähe zum Kloster für eine religiöse Fanatikerin. „Das ist keine Sekte“, verteidigt Ainaras Vater seine Tochter, „verwechsle das nicht!“ Für Tante Maite ist die Freiheit das Wichtigste. Ainara soll in ihren Augen an die Uni gehen, nicht so sehr wegen des Studiums, sondern wegen der Erfahrungen, die sie dort machen könnte. Am besten ins Ausland, „aber nicht nach Irland, die sind zu katholisch“. Dass Maite von allen Familienmitgliedern finanziell am besten dasteht, erfährt man im Lauf der Geschichte. Ainaras Suche nach einer Lebensentscheidung löst in der Familie Streit aus: zwischen den erwachsenen Geschwistern wie zwischen Tante Maite und ihrem Freund. Als die Großmutter stirbt, gibt es Konflikte wegen der Erbschaft. Auch das ist realistischer, als man möchte.
Grundsätzlich sind die Dialoge aber von gegenseitigem Respekt geprägt. Auch das Leben im Kloster malt der Film nicht in den üblichen Klischeefarben aus, etwa in mittelalterlichen Mauern, durch die konzertreife Choralmusik tönt. Das Essen wird in einem Raum eingenommen, der wohl in den 1970er-Jahren vertäfelt wurde. Und der Konvent ist international.
Die Filmmusik wird vom Schulchor getragen, was zur authentischen Ausstrahlung des Films „Glaube“ beiträgt. „Glaube“ ist ein zarter Film über die Frage, was Freiheit ist, und darüber, wo Sicherheit und Unsicherheit zu finden sind. Obwohl nichts dramatisch Unerwartetes passiert, ist es keine Aneinanderreihung von Erwartbarem.
Auf den ersten Blick gibt es nichts, was Ainara von anderen Teenagern unterscheidet. Und doch sind ihre Gefühle nicht allein von dieser Welt: Sie fühlt sich zu Gott hingezogen. Wäre das Leben, das sich für sie richtig anfühlt, eines als Ordensschwester? Der Plan bringt die Grundmauern ihrer Familie massiv ins Wanken.
Moviemento Linz, ab 29. 10.
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