Die Madonna mit Kind auf der Mondsichel in der Pfarrkirche der Waldviertler Gemeinde Pöggstall zählen die Kunsthistoriker zu den herausragenden Werken der Spätgotik.
Neben der kunstgeschichtlichen Bedeutung weist die Skulptur aber eine Besonderheit aus dem Bereich der Frömmigkeitsgeschichte auf. Jesus trägt eine rote Korallenkette – nicht als Zierde, sondern als Amulett. Die Steinkette soll vor der „Fraisen“ schützen. Als „Fraisen“ bezeichnete man im Volksmund Fieberkrämpfe bei Kleinkindern, die zum Tod führen konnten. In Fraisensteinen sah man eine Hilfe vor diesen plötzlich auftretenden Anfällen, denen die Medizin hilflos gegenüberstand.
Amulett für Jesus. Jesus – der Gottessohn – trägt ein Amulett. Sicher ist sicher. Mancher wird die Nase rümpfen über den scheinbar so wenig von heidnischen Vorstellungen gereinigten Glauben des Mittelalters. Doch präziser konnte der Künstler gar nicht ausdrücken, was ihm zu seiner Zeit – in der Gotik – an der Gestalt des Gottmenschen Jesus wichtig war. Jesus ist ganz Mensch. In der Gotik entstehen auch die beeindruckenden Leidensdarstellungen, die Christus schmerzverzerrt am Kreuz oder blutig geschlagen an die Geißelsäule gekettet zeigen. Die Botschaft der Kunstwerke betont: Jesus hat nicht nur zum Schein „Fleisch angenommen“, sondern er steht ganz auf der Seite der Menschen: krankheitsanfällig wie sie, wehrlos wie sie, dem Hass von Feinden ausgeliefert. In Jesu Menschsein – ohne Wenn und Aber – zeigt sich Liebe, die am Kreuz zur rettenden Liebe Gottes wird.