12.05.2017

Kirche

Die intolerante Landesmutter

Zu ihrem 300. Geburtstag wird Kaiserin Maria Theresia gefeiert. Vieles, was über sie gesagt wird, ist aber vom Zuckerguss des Mythos überzogen. Bei all ihren Reformleistungen tut auch ein kritischer Blick auf die Habsburgerin not – gerade in religiöser Sicht, um die es hier gehen soll.

Maria Theresia inszenierte sich selbst gern als gute Landesmutter. Die Gnade der Herrscherin galt aber nur braven Untertanen. Andersgläubige zählten da nicht dazu.

„Wollt Ihr durchgehen lassen, dass jeder sich seine eigene Religion macht, ganz nach seiner Phantasie? Kein fester Kult, keine Unterwerfung unter die Kirche – wohin kämen wir da?“ Es waren eindringliche Worte, die Maria Theresia im Herbst ihres Lebens an ihren Sohn und Mitregenten Joseph II. richtete. Dieser hatte ihr mitgeteilt, dass er die Vielfalt in der Religion nicht von vorneherein als Übel für den Staat ansah. Seine Mutter argumentierte, er werde den Staat zugrunde richten und Seelen ins Verderben führen.

Die Verantwortung des Herrschers für den Bestand des Staates und die Seelen der Untertanen waren die Leitlinien in der Religionspolitik der Habsburgerin. Allerdings griff die Herrscherin gegenüber Andersgläubigen zu Mitteln, die nicht nur in der heutigen Zeit indiskutabel sind. Sie wurden schon zu ihrer Zeit von den Aufklärern kritisiert.

Gegen Protestanten und Juden

Der Brief an Joseph II. bezog sich auf den Umgang mit Geheimprotestanten. Maria Theresia steht im Vorgehen gegen Andersgläubige in der Tradition ihrer Vorfahren, aber in scharfen Kontrast zu ihrem Nachfolger Joseph II. Offenbar entsetzt darüber, wie wenig tief die Gegenreformation in manchen Gebieten gewirkt hatte, griff die Herrscherin dort, wo Mission nichts brachte, zu harten Mitteln: Umerziehung in Konversionshäusern und Deportationen von Evangelischen zum Beispiel nach Siebenbürgen sollten eine Einheit im Glauben erzeugen, die es im Habsburgerreich freilich nie gab. Mindestens 3162  Menschen wurden unter Maria Theresia zur „Transmigration“ gezwungen. Dass dabei auch Kinder ihren Eltern weggenommen wurden, Menschen auf den Märschen oder vor Ort umkamen, macht das Ausmaß des Leides deutlich. Getroffen hat es die unteren Schichten. Unter dem Adel und in ihrem Umfeld war es eher sozialer Druck, der zur Konversion führen sollte: Für die Kaiserin, deren eigene Mutter aus dem evangelischen Haus Braunschweig-Wolfenbüttel stammte und vor der Heirat zur Konversion gedrängt werden musste, war der Übertritt zum Katholizismus der einzig akzeptable Weg.

Ein besonders dunkles Kapitel ist die Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus Prag, die Maria Theresia aufgrund von Verleumdungen, mit einem persönlichen Eifer und gegen Argumente ihrer Umgebung durchführen ließ. Selbst der Papst setzte sich für die Tausenden Vertriebenen ein, die auch noch aus Böhmen und Mähren insgesamt hinausgeworfen werden sollten. Letztlich wurde der antijüdische Exzess eingebremst und gestoppt. Dafür mussten die Juden eine „Toleranzabgabe“ zahlen – wie jene wenigen  jüdischen Familien, die in Wien geduldet wurden.

Kirche als Machtinstrument

Innerhalb der katholischen Kirche führte Maria Theresia die Frömmigkeit ihrer Vorfahren, die pietas austriaca, fort, zum Beispiel in der Marienverehrung. Manches überbordende barocke Zeremoniell reduzierte sie aber. Mehr Schlichtheit im persönlichen Glauben – den sie bei ihren Kindern förderte – bedeutete aber keinen Verzicht auf das „Machtinstrument Kirche“. Unter Maria Theresia bildete sich in Ansätzen ein gemeinsamer Staat aus den verschiedenen Habsburgerterritorien heraus. Für das Wohlverhalten der Untertanen hatte auch die Kirche zu sorgen. Die Kaiserin sah sich in vielen Belangen als Herrin der Kirche, band sie eng an den Staat und umgekehrt: Der Kommunionempfang der Beamten am Gründonnerstag wurde verordnet. Maria Theresia machte erste Schritte in die Richtung, die ihr Sohn weiterverfolgen sollte: Die Orden wurden mit staatlichen Regeln bedacht, Begünstigungen beseitigt, auf kirchliches Vermögen zugegriffen, ohne sich um den Papst zu kümmern. Dabei war auch die Qualität der Seelsorge ein Antrieb für Maria Theresia. Sie selbst stand der Frömmigkeit des Jansenismus offen gegenüber – einer Reformströmung, die der Papst aber verboten hatte. Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Überlegungen reduzierte sie die Anzahl der kirchlichen Feiertage. Mehrtägige Wallfahrten wurden – außer nach Mariazell – verboten, weil sie auch zu Ausschweifungen verführten.

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schreibt in ihrer neuen Biografie über Maria Theresia, diese habe zwischen ihren Rollen als Christin und als Herrscherin unterscheiden können. Insofern war es kein Widerspruch für die Kaiserin, privat eine fromme „Tochter der Kirche“ mit täglichem Messbesuch und oftmaliger Beichte zu sein, sich als Herrscherin aber der Kirche souverän zu bedienen. «  

Bildquelle: akg-images / Nimatallah

Autor/in:  Heinz Niederleitner

Keywords: 2017/19, Kaiserin Maria Theresia, Habsburger, Religion, Gegenreformation, Transmigration, Siebenbürgen, Religionsfreiheit

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