18.04.2017

Kirche

„Die Bibel ist ein Buch für heute“

Seit Ostern erscheint auf den Sonntagsseiten Ihrer Kirchenzeitung der Bibeltext in neuem Gewand: in der überarbeiteten Einheitsübersetzung. Der Bochumer Neutestamentler Thomas Södinger ist froh, dass der revidierte Text erschienen ist. Wie lässt sich nun die Bibel verbreiten?

Zwei Generationen: Die erste Auflage der Endfassung 1979/80 (rot) sowie eine Ausgabe der revidierten Fassung 2016 (schwarz).

Univ.-Prof. Dr. Thomas Söding lehrt Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum und ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Bibeltheologen. Von ihm erschien jüngst: „Die Bibel für alle. Kurze Einführung in die neue Einheitsübersetzung“.

War die Revision der Einheitsübersetzung wirklich notwendig? Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
Thomas Söding: Die Einheitsübersetzung musste unbedingt „renoviert“ werden: An ihr hat schon der „Zahn der Zeit“ genagt. Im Ganzen kommt sie gut in ihrem neuen Gewand daher. Über Einzelheiten kann man immer streiten. Aber die Aufgabe lautete ja, die Übersetzung am Urtext zu kontrollieren und sie biblischer zu gestalten. Das ist insgesamt gelungen.

Die Lektionare für die Bibellesungen in den Gottesdiensten wird es erst im Jahr 2018 mit dem revidierten Text geben. Schadet das nicht dem Anliegen?
Söding: Ich bin zunächst heilfroh, dass die Bibel da ist. Dass die Lektionare so lange auf sich warten lassen, ist bedauerlich. Die Herausgabe müssten die zuständigen Stellen unbedingt beschleunigen. Denn auch für das Vorlesen ist die neue Einheitsübersetzung ein Gewinn.

Beim Entstehen der Einheitsübersetzung sowie bei der jetzigen Revision lautete der Auftrag, die Bibel in „gehobenes Gegenwartsdeutsch“ zu übertragen. Aber war nicht zum Beispiel die Sprache des Neuen Testaments bewusst volksnah?
Söding: Die Bibel ist sowohl in Hebräisch als auch auf Griechisch in einer einfachen Sprache geschrieben worden, aber primitiv ist der Text nicht. In der Bibel findet sich kein Jargon, sondern eine sehr prägnante Sprache, die von allen verstanden werden kann. So muss auch eine deutsche Übersetzung wirken. Der Klang der biblischen Sprache muss erkennbar sein. Damit soll klar werden: Die Bibel ist ein wichtiges Buch, gerade für heute. Sie ist die Heilige Schrift.

Etwa zeitgleich mit der Einheitsübersetzung wurde auch die Lutherbibel neu herausgegeben. Damit stehen die Chancen für eine ökumenische deutsche Bibel auf längere Zeit hin schlecht, argumentieren Sie. Wäre das überhaupt denkbar?
Söding: Selbstverständlich, das ist sogar unbedingt notwendig. Das Deutsche ist die einzige große Sprache, in dem es keine allgemein-ökumenische Bibelübersetzung gibt. Das ist merkwürdig, weil wir in den deutschsprachigen Ländern mit der Bibelforschung und der Bibelarbeit ökumenisch so vertraut sind. Ich denke, wir kommen jetzt langsam heraus aus der etwas unglücklichen Zeit der ökumenischen Profilierung. Es gibt jetzt immerhin die Erklärung, dass in ökumenischen Gottesdiensten sowohl die Einheitsübersetzung als auch die Lutherbibel gelesen werden können. Künftige Revisionsarbeiten müssen dann aber ökumenisch erfolgen. Und warum sollte es nicht ein gemeinsames Projekt einer Bibelübersetzung für pastorale Zwecke geben? Die Gute-Nachricht-Bibel wurde auch ökumenisch verantwortet, hat aber einen speziellen Adressatenkreis.

Ist es in der pfarrlichen Bibelarbeit oder privat sinnvoll, sich Lutherbibel und Einheitsübersetzung parallel anzusehen?
Söding: Die Arbeit mit verschiedenen Übersetzungen ist sehr erhellend und lehrreich. Denn es wird klar: Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Die Bibelwerke stellen für solche Vergleiche Material bereit. Es hilft, zu verstehen, wie es zu Differenzen kommt und dass es um die Sichtweisen, nicht aber um richtig oder falsch geht. Persönlich bin ich sehr dafür, zunächst einmal die Bibelarbeit mit der revidierten Einheitsübersetzung durchzuführen und dann vielleicht den alten Text mit dem neuen zu vergleichen.

Über den Zugang zum revidierten Text der Einheitsübersetzung gab es auch Diskussionen, besonders über die Verfügbarkeit im Internet. Wie frei sollte der Zugang sein?
Söding: So frei wie möglich: Der Apostel Paulus hätte sicher das Internet genützt, um seine Theologie zu verbreiten. Natürlich müssen die Rechte der Verlage gewahrt werden. Aber je jünger die Leute heute sind, desto mehr sind für sie die digitalen Medien die wichtigste Informationsquelle. Warum soll man sich zum Beispiel nicht zu Weihnachten kostenlos eine Bibel runterladen dürfen? Da steigert man die Festfreude und fördert das Bibellesen. «

Ein Beispiel für die Revision: Psalm 23

Alte Einheitsübersetzung

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3 Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. 4 Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. 5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher. 6 Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

Neue Einheitsübersetzung

Der HERR* ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. 4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher. 6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN* für lange Zeiten.

* HERR (in Kapitälchen) zeigt an, dass im Original der Gottesname steht.

Neue Einheitsübersetzung für zu Hause

Das Bibelwerk Linz bietet Bibelausgaben mit der neuen Einheitsübersetzung (Ausgabe in färbigem Einband – beere oder petrol – mit zweifärbigem Druckbild rot/schwarz) um Euro 20,60 ohne zusätzliche Portokosten zum Versand an. Nähere Informationen und weitere Ausgaben finden Sie auf der Homepage: www.bibelwerklinz.at/shop

Bildquelle: Niederleitner, Privat

Autor/in:  Heinz Niederleitner

Keywords: 2017/16

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