18.04.2017

Gesellschaft

Christ zu werden ist lebensgefährlich

„Sag Katharina zu mir“, meint die 29-jährige Iranerin. Sie möchte ihren Namen nicht nennen. Seit sie in ihrer Heimat dem Islam den Rücken gekehrt hat und Christin wurde, fühlt sie sich nicht sicher. Auch nicht in Österreich, wohin sie geflüchtet ist. „Übrigens: Katharina stimmt. Das ist mein neuer Name, den ich bei der Taufe bekomme.“

Katharina und ihr Partner A. Beide mussten aus ihrer Heimat, dem Iran fliehen, weil die Bibelgruppen verraten wurden, denen sie angehörten. Auf der Flucht haben sie sich kennengelernt.

Die Bibel hat einen festen Platz im Alltag von Katharina.

Vermutlich sind knapp ein Prozent der Bewohner des Iran Nichtmuslime, Katharina und ihre Familie gehörten zur Mehrheit der 99 Prozent. So selbstverständlich wie zu Österreich Berggipfel gehören. Ein Verbrechen hat Katharinas Leben aber auf den Kopf gestellt. Weil ihr Kopftuch zu klein und ihr Mantel zu kurz war, wurde auf sie ein Säureattentat verübt. Von einem Motorrad aus überschüttete man sie mit ätzender Flüssigkeit. Es folgte Operation auf Operation, für die damals 18-jährige Frau vor allem eine psychische Katastrophe. Der Täter war bald entlarvt. Das Gericht hätte ihr erlaubt, ihn ebenfalls mit Säure zu überschütten. Aber das wollte sie nicht. Die Entschädigungszahlungen, die ihr zugestanden wären, konnte der mittellose Täter nicht leisten. So ging Katharina leer aus. Mehr als das schmerzte sie aber, dass die Gesellschaft ihr selbst die Schuld gab. Obwohl der ihr unbekannte Mann zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, war in den Augen der Öffentlichkeit nicht sie das Opfer. Dass es keine Gerechtigkeit gibt – diese Erfahrung setzte sich in ihr fest und nagte in ihr. Katharina absolvierte ein Englisch-Dolmetschstudium und begann in einem Unternehmen zu arbeiten. „Langsam, langsam haben zwei Arbeitskolleginnen mit mir Kontakt aufgenommen und mich eines Tages zu einem Treffen eingeladen“, erzählt Katharina. Sie dachte zuerst, dass es sich um einen Psychologiekurs handeln könnte. Aber die 15 Frauen und Männer, die sich regelmäßig in einer Wohnung trafen, lasen miteinander die Bibel: „Das hat mir sofort gefallen.“ 

Kein Platz für Christen

Doch die Freude des Zusammenseins mit den neuen Freunden dauerte nicht lange. Eines Tages tauchten Polizisten in Zivil in der Firma auf und nahmen die beiden Frauen mit, die sie für die ­Bibelrunde angesprochen hatten. Katharina handelte um­gehend. Sie flüchtete von ihrer Heimatstadt Isfahan in die rund 450 Kilometer entfernte 18-Millionen-Metropole Teheran und kaufte sich einen neuen Pass. Mit dem konnte sie in die Türkei fliegen. Dort musste sie sich Schleppern  anvertrauen, die sie innerhalb von 20 Tagen nach Österreich brachten. Große Teile des Weges hat sie zu Fuß zurückgelegt. Die Märsche dauerten oft bis zu 18 Stunden.
Seit zwei Jahren ist sie nun in Österreich. Mit ihren Eltern hält sie telefonisch Kontakt. Als strenggläubige Moslems können sie ihre Entscheidung, zum Christen­tum zu konvertieren, bis heute nicht verstehen: „Anfangs haben sie viel Stress gemacht, jetzt haben sie sich damit abgefunden.“ Dass die Eltern den Schritt ihrer Tochter nicht vergessen, dafür sorgt aber die Polizei. Sie kontaktiert sie –  selbst zwei Jahre nach der Flucht – regelmäßig und will wissen, wo ihre Tochter steckt. 

Katharina sitzt inzwischen auf einer Couch in einer Unterkunft für Asylwerber in der Nähe von Linz. Die Angst vor der Verhaftung, die Strapazen der Flucht, das Unverständnis der Eltern – „Ich habe viel Stress gehabt. Als ich in Österreich angekommen bin, wurden meine ­Haare plötzlich weiß.“ Katharina nimmt eine Strähne zwischen die Finger: „Das ist gefärbt.“ Gegen die grauen Haare ließ sich einfach etwas machen. Mit den Narben des Säureattentats auf ihrer rechten Gesichtshälfte und der rechten Hand ist das anders. Die werden bleiben. 

Die Bibel immer griffbereit

Ob sich Katharina bei sich selbst schon einmal gedacht hat: Hätte ich Jesus doch nur nicht kennengelernt. Dann wäre mein Leben einfacher? „Nein, ganz im Gegenteil“, sagt sie mit voller Überzeugung: „Ich möchte noch viel mehr von Jesus kennenlernen.“ Die Bibel in ihrer Muttersprache Farsi ist ihr ständiger Begleiter. Bis zu viermal in der Woche nimmt sich Zeit zum intensiven Lernen der Bibel, wie sie selbst das nennt: „Ich lese in der Bibel, ich denke darüber nach und ich bete mit der Bibel.“ An vielen Seiten ihrer Heiligen Schrift hat sie Verse unterstrichen und sich Anmerkungen gemacht. „Das Johannes-Evange­lium ist das schönste.“
Katharina blättert in ihrer Bibel, bis sie zu ihrer Lieblingsstelle kommt. Sie liest vor: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat (Joh 3,16). „In diesem Satz streckt alles drinnen. Das ist ein kleines Evangelium.“  Besonders berührt Katharina, dass bei Jesus Männer und Frauen gleich sind. „Im Iran sind Frauen bloß halbe Männer ohne Rechte. Bei Jesus ist das anders.“ 

Jesus hilft

Katharina bereitet sich mit Dutzenden anderen Asylwerbern in Linz auf die Taufe vor. Kurz nach Redaktionsschluss dieser KiZ wurde sie getauft. Ihr Leben kommt nach und nach in geordnete Bahnen. Sie kann in Wien eine Ausbildung zur Begleitlehrerin machen. Das Pendeln ist zwar anstrengend, bringt aber eine neue Lebensperspektive. Obwohl sie noch täglich, wie sie erzählt, von Angstträumen geplagt wird, ist sie ruhiger geworden. Sie ist felsenfest überzeugt: „Das hat mit Jesus zu tun.“ 

Bildquelle: KIZ/jw, kiz/jw

Autor/in:  Josef Wallner

Keywords: 2017/16

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